Der Kampf der Geschlechter macht bekanntlich auch vor der Sprache nicht halt, und Frauen scheinen an Terrain zu gewinnen. Kaum eine Stellenanzeige ohne Schrägstrich samt Suffix -in. Amts- und Gesetzessprache werden entrümpelt. Zu den Wahlmännern, Obmännern und Bauherren darf sich nun auch das weibliche Pendant gesellen.

Doch die Hamburger Linguistin Karsta Frank bezweifelt, daß damit die „sexistischen Denk- und Wahrnehmungsmuster“ aufgelöst werden, Ihre Skepsis begründet sie in ihrer Untersuchung „Sprachgewalt. Die sprachliche Reproduktion der Geschlechterhierarchie“ unter anderem mit der höchst unterschiedlichen sprachlichen Ausgestaltung männlicher und weiblicher Sexualität, wie sie sich im Duden „Sinn- und sachverwandter Wörter“ zeigt.

Die erste Suche nach der weiblichen Lust endet unter dem Eintrag „Weiblichkeit“ gleich in der Sackgasse. Die Leserin muß sich mit dem lapidaren Hinweis auf „die (holde) W.“ sowie den Verweis auf „Frauen (die)“ begnügen. Eindeutig hingegen präsentiert sich die „Männlichkeit“: nämlich mit der Aufforderung, weiter unter „Penis“ zu fahnden.

Unter diesem Stichwort wird sie mehr als fündig. Sie kann aus einer stattlichen Liste von mehr als siebzig Umschreibungen auswählen. Jeder nur erdenkliche Zustand holder Männlichkeit erfährt seine sprachliche Würdigung auf mehreren Stil- und Geschmacksebenen, der vielversprechende „Liebesknochen“ findet sich ebenso wie der bedauerliche „Schlappschwanz“. Die Dudenredaktion hat alles mit sprachlicher Akribie notiert. Am Ende der Aufzählung sinn- und sachverwandter Wörter stehen sieben Verweise zum Weitersuchen. Diese Pfade führen zu den anatomischen Feinheiten und Fertigkeiten des guten Stücks und von dort aus wieder zu zahlreichen Verzweigungen. Und erstaunlicherweise finden sich am Ende „Vagina“ und „Vulva“.

Unter diesen beiden Notierungen stehen knapp zwanzig Alternativen zur Wahl. Zwischen der medizinischen „Scheide“ und dem derben Ausdruck des Straßenmilieus wie „Dose“, „Büchse“ oder „Punze“ kennt der Duden keine Zwischentöne.

Während das männliche Zentralorgan von der deutschen Sprachgemeinschaft umhegt wird, lassen sich für den Brennpunkt weiblicher Lust im Duden lediglich auf Umwegen sprachliche Hinweise aufspüren. Und das auch nur, wenn die (oder der) Suchende das medizinische Wort „Klitoris“ kennt. Neben dem „Kitzler“ nimmt sie mit ungläubigem Staunen den zweiten und letzten „sinnverwandten“ Begriff zur Kenntnis: „Mann im Boot“ steht da.

Günther Drosdowsky, Leiter der Dudenredaktion, hält diese unterschiedliche sprachliche Zuwendung für „eines der sprachlichen Kuriosa, für die es keine Erklärung gibt“. Seine Hamburger Kollegin Karsta Frank sieht das anders: „In dieser sprachlichen Differenz drückt sich ein tiefgründendes gesellschaftliches Desinteresse an der weiblichen Sexualität aus, dessen logische Konsequenz auf nicht-sprachlicher Ebene das Desaster in deutschen Betten ist.“ Brigitta Huhnke