Von Klaus-Peter Schmid

Brüssel

Scheinbar ungerührt kommentierte Jacques Delors am vergangenen Sonntagabend die knappe Ja-Mehrheit bei der französischen Abstimmung zu Maastricht: „In einem Referendum zählt nur das Ergebnis.“ Doch der Präsident der EG-Kommission hatte die Signale seiner Landsleute wohl verstanden. „Viele Franzosen“, so gab er zu bedenken, „haben mit ihrem Nein ihre Ängste ausgedrückt. Wir müssen dem Rechnung tragen, sowohl auf nationaler wie auf europäischer Ebene.“

Ganz anders als nach dem hauchdünnen Nein der Dänen im Juni reagierte das offizielle Europa nach dem nicht minder knappen Ja-der Franzosen. Vor einem Vierteljahr galt die Devise „Alles oder nichts“: Entweder die Dänen akzeptieren Maastricht so, wie sie es im Dezember 1991 mit ihren elf Partnern verabschiedet haben, oder sie müssen konsequent sein und die Gemeinschaft verlassen. Niemand versuchte eine Brücke zu bauen. Man ging zur Tagesordnung über.

Inzwischen ist die Selbstsicherheit der Europastrategen dahin, die sich noch im Juni ihre Vision nicht von ein paar tausend Dänen madig machen lassen wollten. Ohne breite Zustimmung der Bürger, so lautete schon in der Nacht des Referendums auch in Brüssel die Bilanz, hat Europa keine Chance. Die Kommissare, die sich vor die Mikrophone trauten, versprachen, die Einwände gegen die Verträge von Maastricht ernst zu nehmen. Im französischen Fernsehen mahnte Jacques Delors zum Einlenken. Er schien zu spüren, daß auf ihn eine neue Rolle zukommt: Die des Dolmetschers zwischen Brüssel und den Bürgern.

Das entspricht nicht seinem Naturell. Als typischer Selfmademan, stark vom Katholizismus geprägt, vom Gaullisten zum Sozialdemokraten bekehrt, von Begriffen wie Solidarität und Ausgleich geleitet, versteht sich der 67 Jahre alte Franzose als einen „Gesellschaftsingenieur“, der den sozialen und politischen Wandel gezielt herbeiführt. Er verfolgte seine Ziele stets mit fast autoritärem Nachdruck. Seine Perspektiven sind nicht selten von provozierendem Ehrgeiz. Die Kommission hat er stets als Instrument seiner Macht einzusetzen verstanden, um seine Vorstellungen von Europa voranzutreiben.

Wie es nun in diesem Europa weitergehen soll, weiß konkret niemand zu sagen. Doch in den bald zwölf Brüsseler Jahren Delors’ lassen sich Konstanten erkennen, die auch seine künftigen Aktionen prägen werden. Da ist zunächst die Einsicht, daß Stillstand Zerfall bedeutet. Delors wird die Gemeinschaft immer weiter vorantreiben, weil er glaubt, nur so ihren Bestand sichern zu können. Folglich hat er den von den Maastricht-Gegnern geprägten Satz „Ja zu Europa, nein zu Maastricht“ stets als unsinnig betrachtet.