Von Bahman Nirumand

Als ich einmal bei einer Behörde in Berlin einem Beamten ein ausgefülltes Formular vorlegte, wurde mir eine kuriose Lehre erteilt. Der Beamte nahm einen Rotstift, zog einen dicken Strich unter meinen Vornamen und sagte: „Sie wollen Schriftsteller und Journalist sein? Sie können ja nicht einmal Ihren Namen richtig schreiben. Bahman schreibt man mit zwei n.“

In den Augen der meisten Deutschen ist ein Ausländer, vor allem, wenn er nicht aus Westeuropa oder den USA stammt, ein Mensch, der einer besonderen Behandlungsweise bedarf. Man setzt voraus, daß Ausländer kulturell und geistig minderbemittelt sind. Man kann auf sie hinabblicken, meist freundlich, selten bewußt und boshaft. Die vermeintliche Ungleichheit nimmt man hin, als wäre sie ein Naturgesetz.

Tatsächlich gehen die Deutschen – im Gegensatz zur verbreiteten Meinung – mit Ausländern im allgemeinen zuvorkommend und einfühlsam um, jedoch immer vermischt mit einer offenen oder versteckten Arroganz. Ausländer, meinen hier viele, können grundsätzlich kein Deutsch. Man glaubt nicht, daß diese hochentwickelte Sprache für Menschen außerhalb des europäischen Kulturraums erlernbar sei. Daher müsse man sich diesen Menschen dadurch verständlich machen, daß man sie duzt und mit ihnen grammatisch falsch und in einer Art Kindersprache redet. Außerdem seien Ausländer ohnehin schwer von Begriff. Man müsse also vieles wiederholen und dabei ganz laut und eindringlich und möglichst mit dem auf die Person gerichteten Zeigefinger sprechen.

Ausländer sind arme Schlucker, meinen die Gutmütigen, man muß sich um sie kümmern, sie auch mal zu Kaffee und Kuchen einladen. „Ausländer sind doch auch Menschen“, hört man oft die Leute sagen. Es gibt liebenswürdige, freundliche Deutsche, die ihren eigenen Ausländer haben (halten). Ausländer kochen gern und gut, sie sind spendierfreudig. Man kann auch durch diese Beziehung das eigene Selbstbewußtsein stärken und ist gegen etwaige Verdächtigungen, ausländerfeindlich zu sein, immun.

Doch diese Art Umgang mit Ausländern betrifft nur einen Teil der Deutschen. Ein immer größer werdender Teil sieht in der Existenz von Fremden in der Bundesrepublik ein Problem, das man sich vom Hals schaffen sollte. Diese Menschen vermögen sich offenbar nicht vorzustellen, daß Deutschland ohne die fünfeinhalb Millionen Ausländer, denen man die Vielfalt der Kultur und des Alltagslebens verdankt, nicht nur ein ödes, langweiliges und sicherlich auch für viele Deutsche unerträgliches Land wäre.

Es ist für mich bemerkenswert, daß ich in all den langen Jahren, die ich bisher in Deutschland verbracht habe, noch keinem Ausländer begegnet bin, der ohne Wenn und Aber von sich behaupten konnte, er fühle sich in Deutschland zu Hause. Es gibt sogar Menschen, die hier geboren sind, die deutsche Erziehung wie ein Einheimischer genossen haben, die deutsche Sprache genauso gut oder genauso schlecht beherrschen wie ein normaler Deutscher. Dennoch fühlen sie sich als Fremde, als „Ausländer“, so werden sie ja auch bezeichnet, selbst dann, wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.