Ein Dichter, der noch 150 Jahre nach seiner Geburt Kontroversen auslöst; ein Werk, das sich noch heute jedem festlegenden Zugriff entzieht und damit seit einem Jahrhundert den Schnittpunkt von Tradition und Moderne bezeichnet: Stéphane Mallarmé ist eine Gestalt geblieben, an der sich nicht nur die Entwicklungslinien der Lyrik im 20. Jahrhundert, sondern auch die Formen des Denkens scheiden, deren eine zu einem radikal neuen Begriff vom Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit führte. Andererseits ist dieses lyrische Œuvre weit entfernt von jedem lauten Ton der Polemik: „Rien, cette écume, vierge vers.. .“, so hebt das Eröffnungsgedicht der „Sämtlichen Dichtungen“ an:

Ein Nichts, ein Schaum, keusch ein Gedicht,

dies Glas, ein Augenblick, ein scheuer;

Sirenen stürzen ungeheuer

sich so ins Meer, das schäumend bricht.

Der lyrische Ausdruck kleidet sich in die Vieldeutigkeit eines durchsichtigen Bildes, das gleichzeitig die glitzernden Perlen im erhobenen Champagnerkelch, die sich am Körper der Badenden brechende Meeresbrandung und die am Bug des Schiffes, mit dem der Poet ins Neue vordringt, hoch aufschäumende Gischt umfaßt. Vor allem aber ist der Schaum Metapher für das Gedicht selbst – der sprühende Schaum, dies Nichts, das ungreifbar bleibt und doch die wunderbarsten Wirkungen im Sonnenlicht hervorruft, wird Bild für eine Sprachkunst, die sich immer wieder ins Nichts der vielfarbigen Bedeutungen und Klänge entzieht. So könnte man diesen einleitenden „Gruß“ fast als ein poetisches Programm verstehen, wäre dieser Begriff nicht seinerseits schon viel zu eindeutig. Programmatisch ist das Gedicht, indem es die Idee lyrischer Vieldeutigkeit vage andeutet, sofort aber durch seine eigene wieder in ein poetisches Bild auflöst – so ist es Programm und dessen Verwirklichung zugleich.