Von Michael Haller

Wem nützt dieser Krieg? Den Juden! Wer ist schuld an diesem Krieg? Die Juden! Amerika mit seiner jüdischen Lobby. Israel mit seiner Sturheit.“ Diese Sätze stehen am Anfang eines Buches mit dem vielsagenden Titel „Juden und Christen“, das der in Zürich lebende Psychiater Emanuel Hurwitz zur Zeit des Golfkriegs niederschrieb, als „Tagebuch eines Mißverständnisses“, wie der Untertitel heißt – als Klagebuch über einen in Europa neu aufbrechenden Antisemitismus.

Hurwitz fühlt sich als Jude von den sonst als friedfertig geltenden Schweizern angegriffen. Freunde, mit denen er früher über Israel und die Palästinenser unbefangen sprechen konnte, verstehen ihn nicht mehr, und er kann ihre Kritik an Israel nicht verstehen. Er überlegt sich, in das vom Krieg bedrohte Land auszuwandern, bleibt dann aber in der für seine Kinder sicheren Schweiz. Sein Buch indessen spricht die Sprache des Abschieds von der einst vertrauten Gedankenlandschaft, in der jüdische und nichtjüdische Intellektuelle einander begegnet waren.

Wie nachhaltig die Beziehung zwischen Christen und Juden belastet ist, mußte auch jedem Nichtjuden offenbar werden, als Saddam Husseins Scud-Raketen Richtung Tel Aviv flogen. Zahlreiche Israelis, die sich vor dem mit deutscher Hilfe produzierten Giftgas ängstigten, waren vor allem darüber schockiert, daß praktisch kein Deutscher vor den Toren jener Fabriken demonstrierte, die Saddam mit den Vernichtungswaffen ausgestattet haben – aber daß viele Deutsche gegen die USA protestierten, die im Krieg gegen den Irak auch Israel beschützen wollten. Mißtrauen gegenüber den Deutschen griff in Israel um sich. Emanuel Hurwitz kolportiert: „Zuerst bringen die Deutschen sechs Millionen von uns um, dann liefern sie Saddam Hussein das Gas, das uns erneut vernichten soll, und schließlich protestieren sie gegen den Krieg, der vielleicht unsere Rettung ist.“

Knapp die Hälfte der Israelis, dies ergab eine Gallup-Umfrage im vergangenen Herbst, zeigt sich fest überzeugt, daß „viele Deutsche gegen die Juden sind“. Ist der damit verbundene Verdacht des erneut anschwellenden Antisemitismus begründet? In dieser Umfrage, die im Auftrag des Spiegel zeitgleich auch in Deutschland durchgeführt wurde, sagten immerhin drei von vier Deutschen, daß „der Antisemitismus im bestimmten Maße bleiben“ oder sogar „zunehmen“ werde. Unter den Israelis glauben dies sogar neunzig Prozent: ein breiter Graben des Mißtrauens, der nur schwer überbrückt werden kann, da offen bleibt, welche Erfahrungen und Motive solche Einschätzungen tragen.

Die beiden Sozialwissenschaftler Werner Bergmann und Rainer Erb, Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, haben die Ergebnisse einer 1987 in der alten Bundesrepublik durchgeführten Befragung jetzt als Buch veröffentlicht. Beide befassen sich seit vielen Jahren mit der Definition und Messung dessen, was man eine „antisemitische Haltung“ nennen könnte. Sie kennen das demoskopische Problem, daß die meisten Menschen ihre Einstellung zu öffentlich geächteten oder tabuisierten Themen kaum wirklich offenlegen: Soweit Fremdenhaß tabuisiert wird, äußern sich Rassisten deutlich zurückhaltend. Und da Judenfeindlichkeit seit der Nazizeit zumindest in Westeuropa geächtet ist, würden wohl die meisten Antisemiten die Frage, ob sie antisemitisch seien, rundweg verneinen.

Mit ihrer Erhebung wollten Bergmann und Erb gerade die verborgenen Ressentiments ausleuchten und wählten darum einen dreidimensionalen Ansatz: Sie fragten nach Vorurteilen (wie: „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluß“), nach allfälligen Antipathien (wie: „Für uns Deutsche wäre es am besten, wenn alle Juden nach Israel gingen“) und schließlich nach der Neigung, Juden konkret zu benachteiligen (wie: „Man sollte nicht zu jüdischen Ärzten gehen“).