Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris

Die Haut war grau, die Wangen lagen hohl, und die Stimme klang schwach. François Mitterrand lobte den vergangenen Sonntag als „einen der wichtigsten Tage in der Geschichte unseres Landes“. Doch die Franzosen spürten bei seinem Anblick auf den Fernsehschirmen den Hauch einer anderen Ewigkeit.

Der Präsident ist krebskrank und zeigte sich kaum genesen von einer Operation. Der Sieg im Referendum über das Maastrichter Abkommen ist nicht seiner und wurde nur mit äußerster Kraft errungen. Am Dienstag nach der Abstimmung empfing der geschwächte Präsident im Elyséepalast Helmut Kohl nur zu einer Stippvisite. Am Mittwoch wollte Mitterrand die Amtsgeschäfte im Ministerrat eigentlich wieder aufnehmen, am Donnerstag in einer großen Rede den 200. Geburtstag der französischen Republik würdigen. Doch dafür reicht die Kraft des fast 76jährigen Rekonvaleszenten nicht. Noch nicht oder nicht mehr – das ist die Frage, die in Paris in aller Munde ist, halblaut und respektvoll gestellt. Denn dieser Kampf des François Mitterrand ist kein politischer mehr, auch wenn es dessen Folgen sehr wohl sind.

„Der Präsident wechselt von der Politik zur Metaphysik“, berichtet ein alter Freund Mitterrands über ihre Gespräche. Die Beobachter beschreiben das Präsidentenpalais als leer. Die einflußreichen Berater von einst, Jacques Attali oder Jean-Louis Bianco oder auch Elisabeth Guigou, die sich als Ministerin für Europa in diesem Abstimmungskampf so klug schlug, fanden keine ebenbürtigen Nachfolger. Der Präsident höre auf niemanden mehr, heißt es in den Ministerien. Und tatsächlich empfindet der Präsident diese schwache Regierung und betrachtet die Regierung diesen schwachen Präsidenten als Belastung.

François Mitterrand, dessen politische Laufbahn vor fast einem halben Jahrhundert begann, täuschte sich gründlich im eigenen Volk. „Da wurde Russisches Roulett gespielt“, zürnte nach dem dünnen Ja der Franzosen Valéry Giscard d’Estaing, der Amtsvorgänger Mitterrands. Am Ende war er es, der im Wahlkampf am meisten Statur bewies, der Mitterrand von rechts jene Wählertruppen zuführte, die der Präsident auf der Linken nicht mehr fand. Frankreich wählte an diesem Sonntag europäisch – und rechts. Wäre Giscard nicht gewesen, hätte sich der neogaullistische Führer Jacques Chirac nicht gegen seine Partei zum Ja durchgerungen; das Ergebnis hätte anders ausgesehen.

Russisches Roulett spielte der Präsident, als er im Juni unter dem Eindruck des dänischen Nein die französische Volksabstimmung ankündigte und sich allzu sicher war, eine stabile Mehrheit fürs Ja zu finden. Mitterrand unterschätzte die verheerenden Folgen der Skandale und Affären, der Verfahren um schwarze Kassen seiner sozialistischen Partei oder der Enthüllungen über verseuchte Blutkonserven. Er täuschte sich auch im Zorn und in der Not vieler Franzosen, die wirklich genug von dieser Mannschaft an der Macht haben und ihr schon im Frühjahr bei den Regionalwahlen eine schallende Ohrfeige versetzten.