Von Till Bastian

Am 25. Februar 1988 fliegt ein Ingenieur namens Fred A. Leuchter aus den USA nach Polen, begleitet von seiner Frau, einem Zeichner, einem Kameramann und einem Dolmetscher. Das Team inspiziert die ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek und reist schon am 3. März wieder in die USA zurück. Ebenso hurtig schreibt Leuchter auch sein 132 Druckseiten umfassendes „Gutachten“, das er bereits am 5. April vorlegt. Unter dem Namen „Leuchter-Report“ hat es traurige Bekanntheit erlangt.

Was ist der Hintergrund dieses „Gutachtens“? In Kanada hatte sich der deutschstämmige Verleger Ernst Zündel vor dem Bezirksgericht in Toronto zu verantworten. Er ist wegen der Verbreitung von Schriften, in denen der nationalsozialistische Völkermord geleugnet wird, von der Auschwitz-Überlebenden Sabine Citron angezeigt und 1985 erstinstanzlich zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt worden. Später hat der Appellationsgerichtshof in Ontario dieses Urteil jedoch aufgehoben und ein Wiederaufnahmeverfahren angeordnet.

Nun schlug die große Stunde des französischen Literaturwissenschaftlers Robert Faurisson. Dieser Professor der Universität Lyon – seit langem berüchtigt wegen „revisionistischer“, das heißt die Naziverbrechen leugnender Thesen – wandte sich, nach Absprache mit Zündel, an Fred Leuchter, der als Spezialist für jene Hinrichtungsanlagen in amerikanischen Gefängnissen gilt, die Giftgas zur Tötung der Verurteilten benutzen. Zündel und Faurisson versprachen sich von ihm eine Expertise, mit der „wissenschaftlich“ nachzuweisen sei, daß es in Auschwitz keinen Massenmord mit Giftgas gegeben haben könne. Leuchter nahm diesen Auftrag anscheinend ohne große Bedenken an und begab sich alsbald auf die von Zündel finanzierte Reise.

Das Gericht in Toronto maß der Aussage des Bostoner Gaskammerspezialisten freilich wenig Bedeutung bei. Nachdem es den seltsamen Gutachter angehört hatte, verurteilte es Zündel am 11. Mai 1988 zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung.

Im Juni 1989 wurde Leuchters Gutachten dann in London unter dem Titel „The Leuchter Report. The First Forensic Examination of Auschwitz“ der Öffentlichkeit präsentiert – das Vorwort hatte der britische Publizist und Historiker David Irving beigesteuert. Eine deutsche Übersetzung war bereits im Vorjahr mit dem Untertitel „Ein Ingenieursbericht über die angeblichen Gaskammern in Auschwitz, Birkenau und Majdanek, Polen“ erschienen.

Schon mit diesem Titel wird klar, warum der Leuchter-Bericht in der apologetisch-rechtsradikalen Literatur als „Meilenstein“ gefeiert werden konnte – weil hier ein angeblich unabhängiger Gutachter, der nach „wissenschaftlichen“ Methoden verfährt, die Existenz der Vergasungsanlagen von Auschwitz und andernorts in Frage stellt.