Ein Moment der Ruhe nach dem Schrecken der Tat: zwei Killer in der Nähe einer kleinen Stadt in Wyoming, 1880, beim Small talk über ihre Gefühle danach. Ob das in den alten Zeiten auch so gewesen sei, fragt der Jüngere, müde gegen einen Baum gelehnt: dieses wilde Herumgeballere und überall nur Kugeln und Dreck. Und ob er dabei auch ängstlich gewesen sei. Der Ältere, etwas zögerlich, mit dem Blick in die Ferne: „Ich kann mich nicht erinnern. Damals war ich ständig betrunken.“

Die Szene bündelt, kurz vor dem Showdown, das zentrale Thema von Clint Eastwoods neuem Western „Erbarmungslos“: die Folgen der Gewalt auf beiden Seiten, das bedenkenlose Töten – und was daraus wird in der eigenen Erinnerung und der allgemeinen Überlieferung. Der Junge, er nennt sich Schofield Kid, nach dem Markennamen seiner Waffe, hat sich den Älteren als Partner für eine Kopfgeld-Jagd gewählt. Denn von ihm berichtet die Legende, er habe vor Jahren unzählige Männer von hinten erschossen und auch viele Frauen und Kinder, er sei in seinem Metier der Bösartigste und Schlimmste, also der Beste.

Eastwood zeigt die Kehrseite dieses Ruhms, die Vorderseite des Bösartigen und Schlimmen – und betont so, daß für jede Legende allein die Tat zählt; das Drumherum bleibt ausgespart. Das macht sie so verführerisch für die Jungen. Die Älteren dagegen wissen um den Schmutz, die Angst, das Unrecht beim Töten und spielen deshalb mit dem Mythos, der einst ihren Ruf begründete – nicht allein der alternde Killer William Munny (Clint Eastwood), der seine Vergangenheit verleugnet, auch der berüchtigte Revolvermann English Bob (Richard Harris), der seinen eigenen Biographen mit sich führt, auch der brutale Sheriff (Gene Hackman), der das Sadistische seiner Polizeiarbeit genüßlich zelebriert.

„Erbarmungslos“ ist ein Film über das Verhältnis von Western-Legende und Western-Realität, nicht mythisch verklärt (wie früher bei John Ford oder Raoul Walsh), nicht naturalistisch verkürzt (wie später bei Robert Aldrich oder Arthur Penn), eher listig zugespitzt (wie zuletzt bei Sam Peckinpah oder Michael Cimino). Eastwoods ästhetischer Purismus zielt auf eine Neubestimmung der alten Geschichten und ihrer Helden, ohne dabei das Genre insgesamt zu demontieren. Sein Westerner ist ein tumber Tatmensch, der einfach nochmals handelt, weil ihm sonst nichts geblieben ist. Sein früherer Partner (Morgan Freeman) wendet sich ab mit Grausen, nachdem der erste Job getan ist. Die Existenz hinter der Legende, das stellt Eastwood klar, bleibt ohne Glanz.

Angefangen hatte alles mit einem Ausflug nach Spanien. Davor, zwischen Ende der fünfziger und Mitte der sechziger Jahre, arbeitete Eastwood in der Fernsehserie „Rawhide“ („Cowboys“). Da war er nur einer jener coolen Typen, von denen in Hollywood viele herumliefen. Der Ausflug nach Spanien brachte ihn mit Sergio Leone zusammen, der ihn in „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) besetzte. Das Ergebnis: der Mythos des schweigsamen Fremden ohne Namen, der – hoch gewachsen, kantig, unrasiert – ohne jede Gefühlsregung handelt, zwischen den Lippen einen Zigarillo, unter dem verwaschenen Poncho zwei schwere Colts, pure Vernichtungsapparate. Der Namenlose wirkt kalt, „steinern“, zynisch, als töte er für jeden, der ihn entsprechend bezahlt. Am Ende jedoch zeigt sich stets, daß er allein für sich selbst kämpft. Pauline Kael, damals eine der einflußreichsten Filmkritikerinnen in den USA, klagte 1974: „Das ist nicht länger die romantische Welt, in der glücklicherweise der Held der beste Schütze ist, statt dessen ist nun der beste Schütze der Held.“

Zurück in Hollywood, begann Eastwood 1967 mit Don Siegel zu arbeiten. Das Ergebnis: der Mythos des harten, „schmutzigen“ Polizisten, der seine Stadt schützt vor psychopathischen Gangstern, kriminellen Geschäftsleuten, korrupten Kollegen – auch wenn niemand mehr um diesen Schutz bittet. „Coogan’s Bluff“ („Coogans großer Bluff“) war noch ein Vorläufer, ein Reflex auf Eastwoods sturen Westerner. Mit „Dirty Harry“ (1971) gelang ihnen der definitive Film des Genres. Dirty Harry Calahan, das ist der Polizist als legalisierter Killer – ohne Privatleben, ohne Sex. Die meisten Menschen um ihn herum sind ihm nur Marionetten einer faschistoiden Phantasie.

In „Magnum Force“ („Calahan“, 1973), „The Enforcer“ („Der Unerbittliche“, 1977) und schließlich „Sudden Impact“ („Dirty Harry kommt zurück“, 1983) variiert Eastwood diese Figur bis ins Extrem: bis der fanatische law and order-Mann, dem jedes Verbrechen ein Anlaß ist für schnelle Exekution, den Mord akzeptiert als Rache für eine ungesühnte Vergewaltigung. Die Welt ist zu bestrafen, wenn sie nicht so ist, wie er sie sich denkt. So nimmt er hin, daß eine Frau seine Killerphantasien noch übersteigert. Er schießt und tötet, um seine Ordnung zu hüten, auch wenn es danach nichts mehr zum Hüten gibt.