Nein“, sagt der eine, „dieser widersinnigen Tortur werde ich mich nie wieder unterziehen.“ – „Doch“, sagt der andere, „allein die Vorbereitung hat mich ungeheuer weitergebracht.“ – „Warum“, fragt ein dritter, „soll ich mich eigentlich auf Stücke vorbereiten, mit denen ich nichts anzufangen weiß“.

Rund 100 (einhundert) größere internationale Wettbewerbe für junge Musiker finden alljährlich allein in Europa, USA und Japan statt – gibt es tatsächlich so viele preiszukrönende Talente unter den nachwachsenden Spitzenmusikern?

Unter den absoluten big five möchte auch der ARD-Wettbewerb rangieren, der stets Anfang September in München stattfindet, dieses Jahr zum 41. Mal. Geprüft werden in wechselnden Rhythmen bestimmte Fächer, diesmal ganz Normales wie Gesang oder Violine, etwas Selteneres, nämlich Klarinette, dazu feine Kammermusik, Cello mit Klavier und Klavier-Duo. Ohne die Verhinderten, Unvorbereiteten oder Angsthasen immer noch 348 Teilnehmer aus 43 Nationen – keine olympischen Zahlen, aber noch einmal: Gibt es tatsächlich so viele junge Musiker, die das Selbstbewußtsein haben, alle anderen aus dem Felde schlagen zu können?

In München bestimmt ein „Reglement“: In der ersten Runde Pauschalurteile, danach Punktwertung: technisches Können, musikalische Gestaltung – und künstlerische Persönlichkeit. Aha? Mit siebzehn Jahren eventuell schon? Ebenfalls drei Erste-Preis-Fragen an die hochgeschätzten Preisrichter: Was verstehen Sie darunter? Wie beurteilen Sie in einem Klavier-begleiteten Vorsingen eine „echte Bühnenpersönlichkeit“? Und, mit Verlaub: Sind Sie selber eine solche? Mein Gott, wie die zelebren Herrschaften da blaß werden.

Nein, einen ersten Preis wollten sie allenfalls in der zeitlich am frühesten abgeschlossenen Kategorie Cello und Klavier vergeben – danach waren ihnen alle anderen jungen Künstler nicht mehr gut genug (aber offenbar ihr eigenes Gewissen um so schlechter: zweite Preise gab’s doppelt, dritte gleich dreifach). Natürlich: am canto fiorito einer Marilyn Home gemessen, war Melinda Paulsens Koloratur-Mezzosopran nichts für „Cenerentola“, ihr Timbre mit dem der ehemaligen ARD-Preisträgerin Jessye Norman unvergleichbar, und das Duo Hecht/Shapiro ließ sich in der Vorrunde aus der Mozart-Sonate herausbringen, was den früheren Preisträger-Geschwistern Kontarsky und Pekinel kaum passiert wäre. „Aber“, fragt der mit dem Brahms-Konzert sich bestens präsentierende Zweitpreis-Geiger Erez Ofer mit mehr als gutem Recht, „wollen die hier den besten der Bewerber – oder den besten der Welt?“ In der Tat: Ein einstimmiges „Perfekt“ könnte vor einem traditionsbewußten Gremium kaum ein Gidon Kremer erreichen. Seit Jahren verleiht die Münchner Jury nur sich selber einen ersten Preis: in der Kategorie Chuzpe des selbstgestellten Anspruchs.

Nun könnte uns das alles ziemlich kaltlassen; sollen halt die jungen Künstler in ihren Biographien vermerken: „2. Preis ARD-Wettbewerb“ – jeder einigermaßen Kundige weiß dann Bescheid.

Wenn dann doch wenigstens eines stimmte – wenn immerhin die beim Abschlußkonzert begleitenden Musiker ungefähr auf der Höhe der in der Vorschlußrunde Ausgeschiedenen wären. Oder versteht die ARD ihren Wettbewerb in puncto „künstlerisches Ethos” eher als abschreckendes Beispiel? Heinz Josef Herbort