Der Traum von Europa

Von David Marsh

Im Herbst 1960 führte ein Artikel in der rosafarbenen britischen Wirtschaftstageszeitung Financial Times in der Frankfurter Zentrale der Bundesbank zu schamroten Gesichtern. In den nüchternen Korridoren der Bank of England dagegen breitete sich ein vergnügtes Schmunzeln aus. Willy Tomberg, ein Beamter der Auslandsabteilung der Bundesbank, hatte eine satirische Passage der häufig exzentrischen Lombard-Kolumne der Financial Times allzu ernst genommen. Die Deutsche Bundesbank war 1957, also erst drei Jahre zuvor, gegründet worden. Das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit war bereits in vollem Gange, aber Deutschland noch immer ein geteiltes Land, und die Bundesbank spielte in der internationalen Finanzwelt nur eine untergeordnete Rolle. Was war für einen Repräsentanten dieses unbedeutenden Neulings in der Geldpolitik naheliegender, als sich bei den Titanen aus der Threadneedle Street Rat zu holen?

In einem Brief an Donald Thomson von der Überseeabteilung der Bank of England bat Tomberg bescheiden um Auskunft: „In einem Artikel der Financial Times habe ich von einer ‚Akademie der Notenbanker‘ gelesen. Bitte schicken Sie mir nähere Informationen über diese Institution, insbesondere darüber, ob es sich um eine private oder staatliche Einrichtung handelt.“ Höflich fügte Tomberg hinzu: „Außerdem hätte ich gerne gewußt, ob dort regelmäßige Vorträge stattfinden.“

Als Tombergs Anfrage in der Bank of England eintraf, sorgte dort die Erkenntnis, daß die Bundesbank auf den Schuljungenstreich der Londoner Wirtschaftszeitung hereingefallen war, für ungewöhnliche Heiterkeit. Die Schadenfreude war groß. Der ganze Vorfall bestärkte die Mitarbeiter der Bank of England in dem heimlichen Überlegenheitsgefühl, das sie gegenüber dem Ausland im allgemeinen und Deutschland im besonderen hegten. 1960 ruhte man sich in Großbritannien immer noch auf dem hart erkämpften Sieg im Zweiten Weltkrieg aus. Niemand in London hatte bemerkt, daß die nächste Schlacht um Europa bereits im Gange war und daß sie nicht mit Waffengewalt entschieden werden würde, sondern durch die Macht des deutschen Geldes.

Dreißig Jahre später lacht keiner mehr. Die Bundesbank hat die Wehrmacht als bekannteste und gefürchtetste Institution Deutschlands abgelöst. Von Tokio bis Toronto, von Bogotá bis Budapest ist schon der Name der Bank Symbol eines konsequenten Anti-Inflationskurses. Die Ratschläge der Bank finden ernste und aufmerksame Zuhörer an den Tischen der Mächtigen, und ihr Arm reicht weit. Als Hüter der D-Mark, dieser beispielhaft starken Währung, die zum Symbol des deutschen Nachkriegsaufschwungs geworden ist, herrscht die Bundesbank über ein größeres Gebiet Europas als irgendein deutsches Reich der Geschichte.

Deutschland ist die drittwichtigste Volkswirtschaft der Welt und produziert ein Viertel des Bruttosozialprodukts der Europäischen Gemeinschaft. Durch die führende Rolle, welche die D-Mark im Europäischen Währungssystem (EWS) spielt, hat sie die Nationalregierungen als die treibende Kraft der Währungspolitik in ganz Europa abgelöst. Die Bundesbank beherrscht ein Gebiet, in dem rund ein Drittel der Gesamtleistung der Weltwirtschaft erbracht wird.