Von Hans-Joachim Müller

Hier zunächst die anrührende Geschichte von Karin B. und Bruno S. Ihre Liebe war groß. Und würde niemals enden. Und als sie sich nicht mehr liebten, beteuerten sie noch immer ihre Liebe. Viel ist im Grunde nicht zu berichten.

Mit der Kunst ist es so. Ob wir es glauben oder nicht, wird uns doch unentwegt beteuert, daß die Kunst ist. Daß sie so ist. Und daß das schon alles an ihr ist. Mehr ist auch dazu nicht zu sagen.

Ein Leidenschaftswunder von hirnentlastender Gewalt hatte den Sommer als Kunstsommer versprochen. Ekstasen in der Kasseler Innenstadt. Die dionysische Wiedergeburt des ramponierten Kunstleibes. Wie ärmlich, wie bieder erschienen mit einem Mal ausgewiesene. Amateure! Die Herren Ammann, Felix, Fuchs, Joachimides, Szeemann, was hatten sie aufzuwiegen gegen das große Liebesehrenwort, das Herr Hoet der verzagten Szene entgegenwarf? Über eine halbe Million documenta-Besucher. Die Rechnung des Unternehmens Kunsterweckung sollte aufgehen: Es wurden 600 000. Nur die Kritik gab sich etwas säuerlich. Kritisierte nicht einmal dies oder jenes, wie sie das bedauerlicherweise immer wieder tut. Schien vielmehr an all den Beteuerungen keinen rechten Spaß mehr zu haben. Das hat ihr entsprechend Strafpunkte eingetragen. „Eitelkeit“, gab der Chefliebhaber zurück: „vorschnelle Urteile“.

Hüten wir uns also vor schnellen Urteilen. Kleiden wir unsere Ahnung bescheiden: Vielleicht hat ja die alte Behauptungsgemeinschaft Gegenwartskunst nur ein paar sichtbare Sprünge bekommen.

Was ist passiert? Ist überhaupt was passiert? Krise in der Einsatzleitung? Krise, ja, das wär’s. Hätte die Kunst endlich erreicht, wovon das Theater schon so lange und so erfolgreich zehrt? Zumindest sind nun einige Zweifel verbürgt. Zweifel an der intakten Verbindlichkeit all der Gratifikationen, die der Kunst aus ihren hermetischen Kontexten zugewachsen sind. Daß schon prädikatswürdig ist, wofür einer mit bewundernswertem Einsatz Stimmung macht, das hat nicht mehr so ohne weiteres funktioniert. Und nicht erst seit dieser documenta. Großausstellungen wie zuletzt „Metropolis“ oder „Bilderstreit“ haben das Erschlaffen der argumentativen Wucht der Kunstanimation längst sichtbar gemacht. Da geht ein Stück Kulturgeschichte, ein Stück Kunstbetriebsgeschichte zu Ende, deren erste Kapitel in die Anfänge der Moderne zurückreichen.

Kunst lebt, seit sie keine vorgegebenen Formaufgaben mehr zu erfüllen braucht (wie die Literatur, die ihr formsprengendes Moderne-Experiment ja schon länger abgeschaltet hat), ganz wesentlich von der Selbstbehauptung. Vom mal spielerischen, mal polemischen Reflex auf ästhetische Konventionen, auf Leit- und Vorbilder, auf Zeitgeistcodes, auf die wechselnden Symbole unserer Realitätsvermittlung. Künstlerische Selbstbehauptungen sind Defensivstrategien. Und in der Defensive ist der Kunst ein ganzes Heer von Bodyguards zugewachsen. Ein hocheffektives Zuwendungssyndikat aus Agenten, Übersetzern, Propagandisten, Schranzen und Liebenden, denen die Kunst allemal Verteidigungs- und nicht Streitfall ist.