Von Martin Klingst

Potsdam

Vergangene Nacht ist es ruhig geblieben. Doch die Anstrengungen der letzten Wochen stehen ihm noch ins Gesicht geschrieben. Nervös zieht der Potsdamer Schutzpolizist an seiner Zigarette, schlürft pechschwarzen Kaffee und trommelt unentwegt mit dem linken Zeigefinger auf den Tisch. Peter Wex, der seinen richtigen Namen aus Angst vor dem neuen Vorgesetzten aus dem Westen nicht nennen möchte, ist müde – „hundemüde“. Immer wieder mußte der stämmige Mittvierziger nachts raus, weil sich irgendwo in der Stadt Jugendliche zusammenrotteten, angetrunken vor ein Asylbewerberheim zogen, Steine, Flaschen, Brandsätze warfen. Peter Wex und seine Kollegen tun, was sie können. Sie „nehmen die Randalierer hart an“, stellen sich schützend, vor aufgebrachte Ausländer, setzen dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. „Und trotzdem wird dauernd behauptet, wir Ostler würden die Situation nicht in den Griff kriegen“, klagt der Wachtmeister bitter, der schon bei der Volkspolizei Dienst schob. „Das zermürbt und macht sauer. Vor allem wenn dann noch einer von den Besserwessis meint, wir ostdeutschen Polizisten würden mit den Randalierern insgeheim sympathisieren.“

Der Verdacht, die Uniformierten zwischen Elbe und Oder seien anfällig für die völkischen Sprüche der Rechtsradikalen, kursiert seit den Krawallen von Rostock, als die Polizei ein jämmerlich untätiges Bild abgab. Doch Beweise hat noch niemand erbracht. Bislang jedenfalls konnten die Republikaner nur unter westdeutschen Polizisten eine nennenswerte Zahl von Mitgliedern rekrutieren. Und die Flugblätter mit rechtsradikalen Parolen tauchten vergangenes Jahr nicht in ostdeutschen Polizeistuben, sondern auf hessischen Wachen auf.

Natürlich äußere im Osten auch einmal ein Polizist seinen Unmut über die Asylpolitik, die vielen Ausländer, sagt Potsdams Polizeichef Detlev Graf von Schwerin. „Die Polizei hat halt die gleichen Ängste und Vorurteile wie die Bevölkerung – aber das ist in ganz Deutschland so. Sie ist wie ein Fisch im Wasser, aber deswegen nicht gleich rechtslastig und fremdenfeindlich.“ Auch Sachsens Innenminister Heinz Eggert wehrt sich gegen den Vorwurf, seine Ordnungskräfte nähmen es mit dem Schutz für Ausländer nicht so genau. „In Hamburg, München oder Düsseldorf würden doch genauso viele Leute am liebsten zuschlagen. Nur ist dort die Hemmschwelle größer. Im Osten fehlt uns noch diese politische Kultur. Dagegen ist die Polizei machtlos.“

Doch den ostdeutschen Ordnungshütern sind bei ihren Einsätzen gegen die rechtsradikale Gewalt in den vergangenen Wochen zu viele Fehler unterlaufen. In Rostock standen sie anfangs beiseite und schauten nur zu; in Wismar waren sie nächtelang so überfordert, daß sie am vorigen Wochenende in hilfloser Verzweiflung sogar die Pistole zogen. Anders konnte die Polizei der Situation nicht mehr Herr werden. Diese Mängel sieht auch Eggert. Und damit es in seinem sächsichen Freistaat zu keinem zweiten Hoyerswerda kommt, wurde an alle Dienststellen ein Fernschreiben geschickt. Aufgabe der Polizei, so heißt es darin unmißverständlich, sei es, „die körperliche Unversehrtheit und das Eigentum aller Ausländer“ zu schützen.

Die Ursache für die scheinbare Ohnmacht gegen die Gewalt – darin stimmen der sächsische Innenminister und andere Experten, die sich derzeit um den Aufbau der Polizei im Osten bemühen, überein – sei nicht etwa ein mangelndes Pflichtgefühl der Ordnungshüter. Statt dessen beklagen sie eine unzulängliche Ausbildung, die ungenügende Ausrüstung sowie die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen im Polizeidienst. „Hoyerswerda hat uns gelehrt“, sagt Eggert, „daß die Polizei Sicherheit nur gewährleisten kann, wenn sie sich selbst gesichert fühlt.“ Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg.