Die Zeit des Mitleids ist vorbei. Das bekommt nun auch Wolfgang Schäuble zu spüren. Helmut Kohl und Wolfgang Bötsch flochten ihm zum 50. Geburtstag wortreich Kränze – aber das war es dann auch. Schäuble, der mit eiserner Energie vom Rollstuhl aus seine 318 CDU/CSU-Abgeordneten dirigiert, wird längst nicht mehr so verehrt und gerühmt wie damals, als er sein Amt antrat.

Es hat ihn einiges gekostet, daß er als Kronprinz des Kanzlers galt. Diese Bürde ist er jetzt los, das hat Kohl klargemacht. Vor versammelter Fraktionsmannschaft hatte er sich Schäuble widersetzt, der eine namentliche Abstimmung im Parlament über einen eigenen Entwurf zum Asylrecht verhindern wollte, bevor die SPD-Opposition über ihre eigene Linie auf dem November-Parteitag beschlossen hat. Seitdem gilt Schäuble als demontiert.

Nun hat sich das Blatt aber wieder gewendet: Die CDU/CSU-Fraktionsspitze verständigte sich intern darüber, doch nicht auf eine frühzeitige Abstimmung zu drängen; Geschäftsordnungsargumente werden dafür ins Feld geführt. In Bonner Kategorien ein Punktsieg für Schäuble. Aber wichtiger ist: Autorität, die sich aus der Sache begründet, kann er vielleicht erst gewinnen, seit er nicht mehr als Kanzleranwärter gilt. Die starken Zweiten in Bonn haben oft mehr Einfluß als die Ersten.

Offiziell dürfen CDU und SPD nicht miteinander über das Asylrecht sprechen, da die SPD – ganz demokratisch – erst beim Parteitag ihre Position klären möchte. Inoffiziell aber reden die Fachleute natürlich miteinander. Neuerdings heißt so etwas: Non-Gespräche.

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Moderne Zeiten brechen auch in Bonn an. Inzwischen laufen immer mehr Agenturreporter und Fernsehkollegen mit ihren tragbaren Telephonen herum oder lassen sich im Restaurant beim Arbeitsmittagessen anrufen. Auf was warten sie? Was eilt so? Wollen sie hören, was Otto Graf Lambsdorff gerade über Jürgen Möllemann gesagt hat? Oder hängt es damit zusammen, daß neuerdings kaum eine politische Position länger Bestand hat als ein bis zwei Stunden? Dann wäre das tragbare Telephon das passende Instrument zum herrschenden Chaos. Gunter Hofmann