er Trick ist einfach, aber wirkungsvoll: Man beichtet seinen Fehler, bevor man ihn begeht, und schon ist die Gunst des Publikums gesichert. Das Geständnis erkennt nicht nur die Intelligenz des Gegenübers an, sondern macht ihn zum Komplizen der eigenen Schwäche und gönnt ihm das Vergnügen zu verzeihen. Eire ausgesprochen katholische Volte.

Benoîte Groult hat diesen Trick erfolgreich angewandt. Seit der Veröffentlichung 1988 wurde ihr Roman „Salz auf unserer Haut“ weltweit dreimillionenmal verkauft, allein auf deutsch in einer Million Exemplaren. Im Vorwort verspricht sie ein Buch über leidenschaftlichen Sex, über „die Sünde Dideldum“, „die Magie des Hineinsteckspiels“ und fügt sogleich hinzu: „Wie könnte man da der Komik entrinnen? Wenn es sich um Sex handelt, verliert sogar die Anatomie ihre Unschuld, und die Wörter, diese verdammten Schurken, die ihr Leben unabhängig von uns führen, zwingen uns feststehende Bilder auf und verbieten einen unbefangenen Gebrauch.“

Dem folgt auf über 300 Seiten all das, wovor sie selbstkritisch warnt. Die unmögliche Liebe zwischen der Pariser höheren Tochter George und dem bretonischen Fischer Gauvain bietet der aufgeregten Leserin poetische Orgasmen nach Art einer „sanft auflaufenden Brandung“, Medizinisch-Technisches wie die von allzu häufiger Penetration entzündete Vulva Georges oder das Gewicht von Gauvains Geschlecht, Vergleichsvokabular vom Fahrradschlauch bis zur Rohrleitung oder auch schlichten Kitsch: „Endlich ruht er in ihr, wie der Vielgeliebte im Hohenlied.“

Der Porno-Vorwurf, dem die prominente Autorin sich ausgesetzt sah, trifft ins Leere. „Salz auf unserer Haut“ ist nicht einmal Pornographie auf gehobenem Niveau, denn der erotische Kitzel entsteht nur im Kopf des Lesers, mittels der so raffiniert im Vorwort geweckten Erwartungshaltung. Selbst das Verdikt vieler Feministinnen, Groult mache den Macho wieder salonfähig, kann nur auf ungenauer Lektüre beruhen. Gauvain ist sanft, ein Mann, der weiß, was Frauen wünschen: der zärtliche Liebhaber mit den Goldschmiedehänden. Die hemmungslose Lust bleibt Papier.

Trotzdem: Diesen Film hätte Benoite Groult nicht verdient. Andrew Birkin hat das Paar Greta Scacchi und Vincent D’Onofrio auf der Leinwand in jene Skandalbeziehung zwischen der Intellektuellen und dem Naturburschen zu verwandeln versucht, aber von vornherein jeden Hauch des Skandalösen getilgt. „Ich wollte alles vermeiden, was voyeuristisch ist“, beschreibt der Regisseur sein Vorhaben.

Es fragt sich nur, wie das Kino Überhaupt von Sex erzählen kann, ohne voyeuristisch zu werden. Das auch im privaten Leben liierte Paar liebt sich jedenfalls nur mit den Gesichtern im konventionellen Schnitt-Gegenschnittverfahren; das bißchen nasse Haut, dessen Anblick dem Publikum gestattet wird, erinnert an Duschgel-Reklame. Und Greta Scacchi macht als reife Universitätsdozentin zwar eine elegante Figur, aber zwanzigjährig mit Jungfernkranz und Petticoat wirkt sie eher wie eine Laiendarstellerin in der Kinderrolle. Der Rest ist Lore-Roman und Reiseprospekt.

Der Film macht die Qualität des Romans erst kenntlich: Groult vermeidet die Frage nach Schuld und Sühne. Birkin sieht die Verfehlung deutlich auf Seiten der Frau, die anders als im Buch nicht in der Lage ist, ihre Liebe zu gestehen, und erst mit fortgeschrittenem Alter Verständnis aufbringt für die Situation eines verheirateten Mannes mit fester Moral und schlichtem Gemüt. Schlechtes Gewissen, ein Ende in Tränen: Auch Gronlts katholischen Trick hat Birkin gründlich mißverstanden. Christiane Peitz