KLEIN-MACHNOW. – Die Adresse ist nur nach mehrmaligem Umsteigen und einem viertelstündigen Fußweg durch die Mark Brandenburg zu erreichen: eine Straße im Örtchen Klein-Machnow, gut fünfzehn Kilometer von Potsdam entfernt. Die notierte Hausnummer weist geradewegs in den Vorgarten einer brandenburgischen Hausfrau, die versichert, sie sei nicht der brandenburgische Datenschutzbeauftragte. Aber „da hinten“, gut 500 Meter die Landstraße runter, in dem ehemaligen Militärkomplex, „steckt er ja vielleicht“.

Das rote Ziegelhaus „da hinten“ trägt weder eine Hausnummer noch einen Hinweis darauf, wer hier residiert. Daß man ihn so schwer finde, sei wirklich „unakzeptabel“, sagt Dietmar Bleyl, Datenschutzbeauftragter des Landes Brandenburg. Aber für ostdeutsche Verhältnisse habe er doch „ein phänomenal gutes Objekt“ erkämpft.

Bleyl, von Hause aus Veterinärmediziner, ist schlechtere Arbeitsbedingungen gewohnt. Als er im Dezember letzten Jahres als Vertreter des Bündnis 90 zum Datenschutzbeauftragten gewählt wurde, bestand sein Büro monatelang aus einem Koffer und drei Stühlen in seiner alten Arbeitsstelle, dem Institut für Ernährungsforschung. „Der Datenschutz“, so formuliert es eine Mitarbeiterin, „fand am Nierentisch statt.“

Trotz anderslautender Absichtsbekundungen hatte Brandenburg den Datenschutz zum bedeutungslosen Stiefkind gemacht. Lächerliche 170 000 Mark billigte der Haushaltsplan für die Erstausstattung der gesamten Dienststelle zu. Das reichte entweder für Büromöbel oder EDV-Anlage – beides war nicht drin. Den Haushaltsposten Mietkosten hatte man schlicht vergessen. Als die neuen Diensträume angeboten wurden, gab es dort Sicherungsvorkehrungen, wie sie für die Behörde eines Datenschützers unabdingbar sind. Für Schutzjalousien war kein Geld da.

Im Sommer hat Bleyl dann Krach geschlagen – in der Öffentlichkeit und im Innenausschuß des Landtags. Das hat zumindest bezüglich der räumlichen Situation gewirkt. Bei den Finanzen hofft Bleyl nun auf einen außerplanmäßigen Geldsegen aus dem Landesetat. Was der eher zurückhaltende ehemalige Tierarzt nicht erwähnt: Auch ein dreiviertel Jahr nach seiner Ernennung hat die Dienststelle keinen Computer, und die elektrische Schreibmaschine auf dem Tisch hat die Mitarbeiterin von zu Hause mitgebracht.

Die Situation in Brandenburg wirft ein Schlaglicht darauf, wie mühsam der Aufbau des Datenschutzes in Ostdeutschland ist. Welchen Stellenwert er für die verantwortlichen Politiker einnimmt, mag man daraus ablesen, daß zwei der fünf neuen Länder, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, fast zwei Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht einmal einen Beauftragten benannt haben.

Dabei gibt es reichlich zu tun – ungleich mehr als in den alten Bundesländern. Denn der Datenschutz in Ostdeutschland hat nicht nur Neuland zu beackern. Er muß – und das steht an erster Stelle – vor allem Altlasten entsorgen. Von denen wissen auch die Experten nicht exakt, wie umfangreich und wo sie verbuddelt sind: Datenbestände, die hinter den skandalträchtigen Aktenbergen der Stasi in den Hintergrund rückten, die oftmals aber nicht weniger brisante Erkenntnisse enthalten.