Der Mann, aufmerksame Leser zeitgeistiger Magazine und Bücher wissen es längst, befindet sich in der Krise. Und das nun schon seit Jahren. Daß Männer in der Emanzipationsklemme sitzen und Schwierigkeiten mit dominanten Frauen und der eigenen Selbstfindung haben, wurde in zahlreichen Veröffentlichungen sensibel dargelegt. Auch die Feststellung, daß Männer lieben lassen, ist ausgiebig erörtert worden, und ihre Suche nach den weiblichen Seiten in sich wurde ebenso einfühlsam beschrieben wie ihre Rückkehr zum neuen „wilden“ Mann. Das Thema, so könnte man meinen, sei erschöpft. Nachdem so ziemlich alle Winkel männlichen Lebens und Leidens ausgeleuchtet scheinen, hat der Medienmarkt jetzt jedoch ein scheinbar neues Problemfeld entdeckt: den Mann und seine Freunde, beziehungsweise das Leiden des Mannes am Fehlen eines Freundes.

„Du brauchst doch immer wieder einen Freund“, wußte schon Freddy Quinn. Doch während viele Frauen ganz selbstverständlich nahe Freundinnen haben, bleibt den meisten Männern oft nur der Verweis auf Arbeitskollegen, Tennispartner oder Stammtischbrüder. Als echte Freunde sind die nach Ansicht aktueller Freundschaftsforschung allerdings kaum zu bezeichnen. „Männer haben keine richtigen Freunde“, beobachtete der Psychologe Wolfgang Krüger und schrieb sogleich ein Buch über „Das schwierige Glück der Freundschaft“. Glücklich darf sich schätzen, wer einen Freund hat und ihn im Medienzeitalter auch gleich der interessierten Öffentlichkeit präsentieren kann. Die empfindsamen Herren wählten dafür das ZEITmagazin (6/92), prominente Zeitgenossen hingegen den stern, wie Theo Waigel etwa, der kürzlich über der markigen Zeile „Was fürs Leben: Männerfreundschaft“ sogar mit zwei Freunden posieren konnte. Oder Udo Jürgens, der über seinen Freund preisgab: „Wir kennen uns in- und auswendig und sind immer noch gespannt aufeinander.“

Das Hohelied der Männerfreundschaft singt auch der Düsseldorfer Gemeindepfarrer Hans Georg Wiedemann, der in diesem Bücherherbst mit einem rund 150 Seiten starken „Plädoyer für Männer-Freundschaft“ um den geneigten Leser wirbt. Schon die vorangestellten Zitate weisen auf den hohen Anspruch: „Nichts stelle ich, wenn ich gesunden Sinnes bin, einem zärtlichen Freund gleich“, Horaz, ist bereits auf Seite eins zu lesen, wo auch Montaigne bekennen darf: „Wenn man in mich dringt, zu sagen, warum ich ihn liebte, so fühle ich, daß sich dies nicht aussprechen läßt, ich antworte denn: Weil er war; weil ich war.“ Sodann werden die bekannten Beispiele wahrer Männerfreundschaft aus Bibel, Mythos und Geschichte herangezogen – was stellenweise den Eindruck erweckt, mit historischen Vorbildern eine Rechtfertigung liefern zu müssen für eine Freundschaft zwischen Männern, die auch die Erotik nicht unbedingt ausschließt.

Anders als die sich in diversen Magazinen bekennenden Freundespaare, die jedes homosexuelle Verlangen weit von sich weisen, wünscht sich der männerbewegte Pfarrer, daß auch die heterosexuellen Männer „ihre Scheu vor der leiblichen Begegnung, der Körpersprache, überwinden. Männerfreundschaft versteht er schließlich als eine Beziehung, „die nicht dem Klischee des Kumpels oder Gesinnungsgenossen entspricht, sondern eine Freundschaft von neuer Qualität, die den Mann in seiner Männlichkeit bestärkt und ihm das Verstehen und die Nähe gibt, wie nur ein Mann sie dem anderen geben kann“ – wobei die Frage aufkommt, ob in dieser Männeridylle nicht doch nur wieder der alte Macho ums Überleben kämpft und nur schnell noch ein paar Rollen dazulernt, um seine alten Privilegien verteidigen zu können. Und dabei könnten ihm, wer wüßte es nicht, Freunde sehr gut helfen. „Ein Freund, ein guter Freund...“ Raimund Hoghe