Von Petra Kipphoff

Im linken Ohr eine helle Kirchenglocke, ein strenger, spröder Ton in größeren Abständen. Nicht das volle, den ganzen Körper durchdringende Glockengeläut, das wir aus dem norddeutschen Dom oder dem süddeutschen Münster kennen, sondern der hohe, gnadenlose Glockenton einer Aussegnungskapelle. Im rechten Ohr das Schreien von spielenden Kindern, Verkehrsgeräusche, ein Auto fährt durch den Kopf, ein zweites kreuzt seinen Weg. Irgendwo auch Brandung, Seemöven – oder ergänzen wir hier schon in unserer zuhörenden Phantasie das Bild, das sich aufzubauen beginnt, nachdem ein Ansager uns den dritten Teil von Glenn Goulds „Trilogie der Einsamkeit“ annonciert hat, das Hörspiel-Portrait einer Mennoniten-Gemeinde im Norden von Kanada?

Im linken Ohr ein Harmonium, die Orgel der armen Gemeinde. Das Lied der Gottesdienstbesucher strömt in beide Ohren, inbrünstig, so nannte man das früher, hört es sich an und ist so voll und vollständig, wie es die reichen Orgel-Gemeinden schon lange nicht mehr kennen. Das Spiel auf dem Harmonium und der Gesang werden zurückgenommen, und wir hören, in der Mitte des Kopfes, die brüchige Stimme eines alten Mannes mit einem starken deutschen Akzent: „The Lord Jesus said people persecuted me, they will persecute you because you are my disciples.“ Er betont das „me“ und „you“. Der Zeigefinger sitzt auf uns. Hat unser Herr Pastor nicht immer erzählt, daß Jesus für uns gestorben sei? Hier hört sich das ganz anders an: Wer mir nachfolgt, der muß leiden, weil auch ich gelitten habe!

Im linken Ohr dann wieder der Gesang mit Harmonium, im rechten Ohr ein junger Mann, der gesteht, daß er lieber Janis Joplin hört als die strenge Botschaft des alten Mannes, und Janis Joplin kreischt im Hintergrund „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz.“ Eine neue, sanfte Stimme kommt hinzu, ein Cello nimmt die musikalische Botschaft des Harmoniums auf, hoffnungsvoll, fast jubelnd. Und wir sind mittendrin in einem Bild aus Klängen, Worten und Geräuschen, in einer wahren, berührenden Geschichte, die so karg ist wie poetisch, manchmal auch komisch (Hat Janis Joplin denn nun vom Herrgott aus Untertürkheim das Wunschauto bekommen oder nicht?). In fünf Hör-Szenen denken die „Stillen im Lande“ (so nannte man die aus Deutschland eingewanderten Mennoniten, und so heißt das Hörspiel) in der Verlassenheit von Kanadas Norden über ihre Situation in einer lauter und schriller gewordenen Welt nach, in der Fernsehen, Diskotheken, Bars und der im Kino offen ausgelegte Sex zu jenem Großstadtalltag gehören, der ihrem Glauben und ihren Überzeugungen zuwiderläuft.

„In der Welt sein, aber nicht von der Welt bestimmt sein“: Wie man mit diesem Gebot heute leben und seinem mennonitischen Glauben treu bleiben kann, das ist das Thema der fünf Szenen, die aber eigentlich keine sind, der Gespräche, die auch keine sind. Denn Glenn Gould ist hier zwar als Reporter tätig gewesen, hat die Jungen und Alten, die Abgereisten und Zuhausegebliebenen befragt. Aber er hat seinen Teil des Gesprächs weggeschnitten und die Stimmen, Geräusche und Musik zu einem Stück zusammengesetzt, das ein Hörspiel ist und ein Dokument und eine Komposition. Nach einem Konzept, das teils dramaturgisch und teils kompositorisch funktioniert, führt er die Stimmen neben- und gegeneinander, spielt Musik links und eine Stimme rechts, läßt die Meinungen und Argumente sich überlappen, hin- und herwandern, sich häufen, manchmal sanft kollidieren. Und immer wieder im Hintergrund der Pfingstgottesdienst der Gemeinde, die helle, feste Stimme eines jungen Geistlichen der, gegen alle Zweifel und Selbstzweifel, dazu aufruft, die Herausforderung des Glaubens anzunehmen.

Die Predigt ist zu Ende, die Gottesdienstbesucher verlassen die Kirche, Geräusche der Gehenden, angerissene Gespräche, Guten Morgen, Wie geht’s, ein Lachen. Und wieder der hohe, dünne Klang der Glocke. In der Welt sein, aber nicht von der Welt sein.

Glenn Gould war kein Hörspiel-Schreiber, sondern ein Hörspiel-Komponist. Er sammelte Ton-Dokumente, und insofern sind seine Hörspiele auch Dokumentarsendungen. Aber er verwendete dieses Material, um das zu schaffen, was er „kontrapunktisches Radio“ nannte. Für sein erstes Hörspiel, „Die Idee des Nordens“ (1967), stand ihm die Stereo-Technik noch gar nicht zur Verfügung. Dennoch erreichte er durch die Methode, mit der er auch im Musikstudio arbeitete, polyphone Effekte, die das Interview zu einem Hörspiel und das Hörspiel zu einem Reportage-Ora-