Von Ulrich Schiller

Ein Kind klagt auf Scheidung. Scheidung von der Mutter. Der zwölfjährige Gregory hat genug von einer Odyssee, die ihn mal zum getrennt lebenden Vater, mal zu den Geschwistern bei der Mutter, dann wieder zu Pflegeeltern oder ins staatliche Kinderheim verschlug. Bei seinen letzten Pflegeeltern fand Gregory ein wirkliches Zuhause. Nun will er sich nicht mehr wie ein Aktenstück hin- und herschieben lassen. Er hat eine Anwältin gefunden und einen Richter, der bereit ist, den Antrag eines Kindes auf rechtliche Trennung von der leiblichen Mutter zu verhandeln. Der Prozeß beginnt am 24. September in Florida.

Gregorys Fall treibt viele Amerikaner um; einen Prozeß dieser Art hat es in ihrem Land noch nicht gegeben. Er wirft fundamentale Fragen auf: Wie ist das mit der Autorität der Eltern über ihre minderjährigen Kinder? Gilt noch, was die Mehrheit glaubt, daß nämlich Minderjährige ihren Eltern gleichsam mit Haut und Haaren gehören? Oder haben Kinder ihre eigenen, von der Verfassung verbürgten Rechte? Sind sie überhaupt in der Lage, ihre Interessen vernünftig wahrzunehmen? Können Kinder künftig mit allen Beschwerden vor den Kadi ziehen, selbst wenn sie nur den Mülleimer nicht leeren wollen? Gregorys Mutter ist ja keine Fixerin, sie gehört auch nicht zu den von Ronald Reagan verlästerten schwarzen „Wohlfahrtsköniginnen“. Sie ist eine Weiße, die, wenn man der von Newsweek nacherzählten amerikanischen Tragödie unserer Tage folgt, in entscheidenden Augenblicken einfach naiv und schwach, undiszipliniert und ungebildet ist. Sie ist vor allem arm. Sie jobbte als Kellnerin, und als das Geld hinten und vorne nicht mehr reichte, wurde ihr zuerst das Telephon, dann der Strom gesperrt, und schließlich nahm man ihr die Kinder weg.

Der Kinder-Scheidungsprozeß in Florida trifft einen hochempfindlichen Nerv der Amerikaner. Family values, Familienwerte, gehören unverändert zu den wichtigsten Koordinaten ihres Lebens. In sechs Wochen sind Präsidentschaftswahlen, und family values haben die Republikaner zur politischen Waffe im Kampf gegen die Demokraten geschmiedet. Eine Waffe, die sich gegen sie selbst richten könnte. Aus allen Rohren hatten die Erzkonservativen im Verbund mit der religiösen Rechten auf dem Nominierungsparteitag für George Bush in Houston/Texas gegen die Demokraten und ihren Kandidaten Bill Clinton samt seiner Frau Hillary geschossen: Sie wollten die Familie und ihre Ideale zerstören, ja, der „unchristlichen Kultur“ homosexueller Lebensweise Vorschub leisten. Hillary Clinton, eine brillante Juristin, wurde verbal gelyncht; sie habe, hieß es anklagend, in ihren Aufsätzen schon 1973 die elterliche Autorität untergraben, das Institut der Ehe mit der Sklaverei verglichen und Kinder zum Prozessieren gegen ihre Eltern aufgewiegelt. Nichts dergleichen stimmt. Wahr ist, daß Hillary Clinton, als sie. sich mit dem Mißbrauch und der Vernachlässigung von Kindern beschäftigte, zu der Überzeugung kam, unter gewissen Umständen müsse Kindern die Trennung von ihren Eltern erlaubt sein. Das mag 1973 revolutionär geklungen haben, inzwischen ist es für die amerikanische Anwaltskammer anerkannte Praxis.

Die Zahl der Kinder, die eines spezifischen Rechtsschutzes bedürfen, ist groß geworden. Fast eine halbe Million amerikanischer Kinder – fünfzig Prozent mehr als 1982 – ist bei Pflegeeltern untergebracht oder wird bald hierhin, bald dahin verpflanzt. Aufsehenerregende Prozesse wegen Kindesmißhandlung haben die Öffentlichkeit schockiert. Und gerade jetzt findet Gregorys Schicksal ein ungeheures Medienecho. Die amerikanische Gesellschaft, die sich wieder einmal so unfertig vorkommt und einem ungewissen Schicksal ausgesetzt fühlt, kann jeden weiteren Bruch mit liebgewonnenen Traditionen auch als neue Bedrohung empfinden.

Die Republikaner haben mit solchen Ängsten spekuliert. Sie glaubten, die Wähler des breiten Mittelstands wieder einfangen zu können, wenn sie nur deutlich genug machten, daß das demokratische Präsidentschaftsgespann Clinton/Gore identisch sei mit jenen, die in den Jugendrevolten Ende der sechziger Jahre so viele Tabus und altväterliche Traditionen einrissen. Marilyn Quayle, die Frau des Vizepräsidenten, hat sich in Houston in scharfer Polemik von allen ihren Altersgenossen distanziert, die damals „demonstrierten, aus der Schule ausstiegen, Drogen nahmen, die sexuelle Revolution mitmachten oder sich vor der Einberufung zum Vietnamkrieg (wie Clinton) drückten“. Marilyn Quayle hatte eine behütete Kindheit ohne Not und Mangel, ihr Credo: „Glaube an Gott, an harte Arbeit und Disziplin, Glaube an das gute Amerika und an die Möglichkeiten, die Amerika jedem bietet, der gewillt ist zu arbeiten.“ Unschwer vorstellbar, was Millionen von Arbeitslosen von einem solchen Bekenntnis halten.

Die sozialen Ursachen, die die amerikanische Familie unter schrecklichen Druck setzen und so oft zerreißen, verschweigen die Wortführer der Erzkonservativen und der religiösen Rechten lieber. Ideologie ist ihnen wichtiger. Patrick Buchanan, bis zum Parteitag in Houston Bushs Herausforderer von rechts, polemisiert, in Amerika herrsche ein Religionskrieg. Pat Robertson, Fernsehprediger und Spiritus rector einer eifernden Phalanx, die sich Christliche Koalition nennt, befindet: „Amerika steht am Scheideweg. Entweder kehrt es zu seinen christlichen Wurzeln zurück .. ., oder es wird fortfahren, Homosexualität zu legalisieren, unschuldige Babys zu schlachten, das Hirn seiner Kinder zu vernebeln, seine Ressourcen zu verschwenden und in Mißachtung zu versinken.“