Von Klaus Modick

Wenn die Rezensentenfloskel vom „Sog“, den eine Geschichte entwickelt, je sinnvoll war, dann gewiß im Hinblick auf dieses Buch, und zwar auf zweifache Weise. Die ausufernde Detailversessenheit einerseits, mit der Cormac McCarthy hier die Trostlosigkeit einer Slumlandschaft in das Zentrum eines umfangreichen Romans setzt, erscheint im ersten Moment ermüdend und absurd, aber rasch wird deutlich, daß der Müll und Schrott, den die Wohlstandsgesellschaft ausgeschieden hat, für die Bewohner eines Slums außerhalb der Stadt Knoxville zu lebensnotwendigen Ressourcen werden. Mit geradezu grimmiger Entschlossenheit beschreibt, ja beschwört McCarthy immer wieder den Abfall der Stadt, und er entdeckt in ihm eine ebenso deprimierende wie exotische Landschaft: „eine Welt innerhalb der Welt... In diesen fremden Territorien, diesen feindseligen Kloaken und öden Zwischenreichen, die der Gerechte vom Waggon oder Auto aus sieht, träumt ein anderes Leben. Verwachsen oder schwarz oder gestört, jede Ordnung fliehend, Fremde im Jedermannsland.“

Vom „Sog“ der Geschichte läßt sich andererseits sprechen, weil der eigentliche Gegenstand des Romans, sein alles bewegender Impuls und Fokus, der Tennessee-River ist, und die Struktur des Erzählens selbst gleicht sich dem Fließen des Flusses an – darin ist dieser Roman mit Mark Twains „Tom Sawyer“ oder mit William Faulkners „The Wild Palms“ vergleichbar.

Zwar erzählt McCarthy relativ stringent die Geschichte eines Mannes namens Cornelius Suttree, der, aus gutbürgerlicher Familie stammend, auf einem schäbigen Hausboot ein armseliges Leben als Fischer fristet; die Geschichte Suttrees ist gewissermaßen der Hauptstrom des Romans, aber überall tun sich in Form von anderen Lebensschicksalen Seitenarme auf, Gegenströmungen, Strudel. „Die Strömung riß Müll und Gerümpel mit sich, Flaschen aus sonnengedörrtem Glas mit geplatzten mauve- und goldfarbenen Blumenkronen darin, altersbraune Orangenschalen. Ein andermal eine tote Sau, rosa und aufgedunsen, Einmachgläser, Kisten, zu starren Homologen von Därmen gebleichte Holzstücke und leere Ölkanister, umwabert von konkaven Schmieraugen, in denen schuldvoll die Spektren schimmerten.“

Arbeitslose und Arbeitsscheue, Nutten und Stricher, Tramps und Hobos, Gestrandete und Gestrauchelte, Verstoßene und Verdorbene, Ausgestoßene und Ausgeflippte – Menschen, die eine saturierte Wendung als „gesellschaftlichen Bodensatz“ begreift, sind die Helden dieses Romans; Helden tatsächlich, weil ihr Überlebenskampf am äußersten Rand der Gesellschaft bei McCarthy etwas Heroisches hat. „To live outside the law you must be honest“, eine Zeile aus einem Bob-Dylan-Song, könnte ein Motto dieses wuchtigen Romans sein: Außerhalb der Regeln und Normen der Gesellschaft zählt nur noch eine radikale, nackte Ehrlichkeit.

Das durch Margaret Mitchell geprägte Kitschbild des amerikanischen Südens hatte William Faulkner mit seinem brutalen Realismus bis zur Kenntlichkeit zersetzt, aber McCarthy, der von Faulkner viel gelernt hat, geht entschieden weiter: Die bürgerlichen Kulissen, vor denen Faulkner seine psychologischen Selbstzerfleischungsdramen ablaufen ließ, sind hier nur noch Trümmer, Müll, verschimmelte Ruinen, an die sich Suttree in einer Mischung aus existentieller Trauer und Sarkasmus bruchstückhaft erinnert.

An diesen „öden Zwischenreichen“ läßt McCarthy die Fortschrittsideen der Zivilisation zerbrechen. Mit zahlreichen motivischen Anspielungen, aber auch durch den Einsatz einer Sprache, die abrupt zwischen härtestem Slang und alttestamentarischem Pathos wechselt, entsteht hier auf den Trümmern der Moderne eine neue Urgesellschaft, eine archaische, mythische Welt im Schatten der Aufklärung: „Nach Westen hin zitterten die Lichter von Knoxville in schwachem Halbdunkel; so wirkten wohl die Ruinen älterer Städte auf Berghirten, auf primitive, über die Landstraßen trottende Stammesgenossen.“ Und die um ein Lagerfeuer hockenden Muschelfischer „hätten genausogut eine Steinzeithorde sein können, angespült aus einem atavistischen Traum“.