Von Katharina Zimmer

Fast alle Wünsche nach Nahrung und Geborgenheit werden ihnen erfüllt. Nackt krabbeln und laufen die Kleinen frei herum, zwischen Müttern, Vätern, Geschwistern, Großeltern. Immer ist eine helfende Hand da, die sie bei Bedarf auf die Hüfte hebt, oder ein Körper, an den sie sich schmiegen können. Stets finden sie die Nahrung und Zärtlichkeit spendende Brust der Mutter. Diese Erziehungsform führt nicht etwa zu quengeligen, verwöhnten Tyrannen, sondern zu früh autonomen, hilfsbereiten Kindern, die auch physisch beeindruckend gesund sind.

Eine Gruppe von Anthropologen, Verhaltensforschern und Psychologen unter der Federführung der Abteilung für Humanethologie des Max-Planck-Instituts in Andechs (Leitung Irenäus Eibl-Eibesfeld) fand diesen Ort frühkindlichen Glücks in Tauwema, einem Dorf auf einer der Trobriand-Inseln im Osten von Papua-Neuguinea. Die Inseln sind schon seit dem Beginn des Jahrhunderts Ziel anthropologischer Neugier.

Diesmal galt sie der Beobachtung, wie Kleinkinder und ihre Bezugspersonen miteinander umgehen, insbesondere dem Bindungs- und Erkundungsverhalten sowie den chronobiologischen (von Zeit zu Zeit wiederkehrenden) Verhaltensmustern im Zusammenspiel zwischen Müttern und Kindern. Ihre Ergebnisse stellten die Forscher vorige Woche in einem Workshop über „Frühkindliches Verhalten im Kulturenvergleich“ in Berlin-Gosen vor. Dort hatten sich die beiden ehemals ost- und westdeutschen Gesellschaften für Anthropologie getroffen, um sich in neuer, keineswegs zu erwartender Eintracht zusammenzuschließen unter einem neugewählten Präsidenten, Karl Sommer von der Humboldt-Universität.

Wieweit ist das Beziehungsverhalten zwischen Kindern und Eltern, aber auch unter Kindern, biologisch verankert, und wieweit ist es kulturell erzeugt? Die vorgelegten Untersuchungen internationaler Forscher warfen mehr Fragen und Vermutungen auf, als sie Antworten lieferten. Welche Bedeutung und Qualität hat die früheste Kommunikation – Mimik, Körpersprache, Schreien – bei Menschen und Primaten, welche Rolle spielen Anblicken und Anlächeln oder Lachen zwischen Mutter und Kind? Warum wird Lachen gelegentlich als Bedrohung, Lächeln dagegen immer als freundlich empfunden? Welche Bedeutung haben Abschied oder Trennung für ein Kind, je nachdem, ob es dabei den passiven oder aktiven Part übernimmt?

Programmierte Grundbedürfnisse

Wie sich ein Kind an die Mutter oder andere Bezugspersonen (höchstens drei) bindet, dafür gibt es nach Meinung der Psychologen Karin und Klaus Großmann von der Universität Regensburg eine biologische Basis. Viele Verhaltensweisen wie Anklammern, Weinen, Rufen, Nachfolgen und Protest beim Verlassenwerden entwickeln sich im ersten Lebensjahr unabhängig von der Qualität der Zuwendung, und zwar weltweit in allen Kulturen. Das heißt, jedes Kind bindet sich an eine Person, die es versorgt, egal, ob sie eine gute oder schlechte Mutter (Bezugsperson) ist. Jedoch hat die Qualität dieser Bindung eine weichenstellende Bedeutung für die weitere Entwicklung des Kindes, und zwar nicht nur, wie man annehmen könnte, für seine Gefühlsentwicklung, sondern ebenso für seine Selbständigkeit. Überraschend nun: Auch die Qualität selber, die „Güte“ der Bindung, und eine Art Maß für die Befriedigung der Grundbedürfnisse sind als „biologische Basiserfordernisse“ in uns angelegt.