An einem Donnerstag rückten zwei Leute der Berliner Betriebsräte-Initiative mit 1500 Briefen in der Poststelle der Westberliner DGB-Zentrale an. Wie mit diversen DGB-Landesvorsitzenden besprochen, sollten Einladungen zu einer Fahrt nach Bonn über die Frankiermaschine des DGB rausgehen. Die Poststelle des DGB wird vom Kollegen Hans* geleitet. Es stellte sich schnell heraus, daß dieses Büro im Erdgeschoß die wichtigste Schaltstelle der Gewerkschaft ist.

Als erstes klärte Hans die Kollegen darüber auf, daß er eine direkte Anordnung „von oben“ brauche, sonst könne er gar nichts frankieren: „Die versprechen zwar immer viel, aber ich muß das dann hier unten jedesmal ausbaden.“ Dieses Problem ließ sich telephonisch noch relativ schnell erledigen – Hans stellte dafür seinen Apparat zur Verfügung. Dann mußten die beiden Leute von der Betriebsräte-Initiative aber erfahren, daß Hans „für heute“ schon abgerechnet hatte (es war gerade Mittag durch) und folglich die Briefe erst am nächsten Tag frankiert werden konnten: „Sonst bin ich sofort dran, wenn morgen zufällig der Revisor vorbeikommt!“

Das wollte natürlich niemand – Hans in Schwierigkeiten bringen –, und also würde man am Freitag vormittag wiederkommen und an diesem Tag nur schon mal die Briefe mit seinem „Drucksache“-Stempel soweit vorbereiten. Bevor Hans den Stempel rüberreichte, schaute er auf seinen Kalender: „Was? Die Fahrt nach Bonn soll am 9. September sein, heute haben wir doch schon den 27. August, das kommt doch alles gar nicht mehr an. Drucksachen dürfen acht Tage bei der Post liegenbleiben. Da ist nischt mehr zu machen!“

Man klärte ihn nun seinerseits darüber auf, daß die Briefe ja nur in die neuen Bundesländer und nach Berlin gingen, was hieße, daß sie alle vom Postamt am Nordbahnhof bearbeitet würden. Und dort säße in der Abteilung für Massensendungen die Frau Schuschke*, der würde man zwanzig Mark geben für die Kaffeekasse, und dann könnte man es noch schaffen. Das sei alles schon soweit vororganisiert. Der Tip sei von einem freiberuflichen Betriebsratsschulungsleiter aus Pankow gekommen, der seine Einladungen immer dort abgebe und mitunter schon drei Tage später die ersten Rückantworten bekäme. Hans gab sich aber nicht gleich geschlagen: „Auch die Briefträger können Drucksachen erst einmal liegenlassen, wenn sie zu viel auszutragen haben ... Das ist einfach nicht mehr bis zum 9. zu schaffen. Ich seh’ da schwarz!“

Während dieses Gesprächs kamen immer wieder Funktionäre und Sekretäre aus den oberen Etagen des DGB in die Poststelle und gaben schüchtern einige Briefe, mit und ohne Einschreiben, ab. Der eine oder andere blieb auch schon mal kurz dort und lächelte den beiden Leuten von der Betriebsräte-Initiative mit ihren sieben Kartons voller unfrankierter Briefe aufmunternd zu. Hans gab derweil hinten im Raum dem Hausmeister Anweisung, daß und wie er am nächsten Tag die Sendung zu bearbeiten hätte, da er, Hans, erst kurz vor Mittag kommen könnte, bis dahin aber alles erledigt sein müsse, da er am Freitag mittag gleich in Urlaub fahren wolle.

Als das geregelt war, nahm Hans erst einmal ein Kuvert aus den Kartons und wog es: „Knapp an der Kippe, geht grad noch für sechzig Pfennig raus“, sagte er. „Seid ihr ganz sicher, daß nirgends ein Blatt mehr drin ist?“ Die beiden waren kurz davor, es ihm schriftlich zu bestätigen. Aber da hatte Hans schon ein neues Problem aufgetan: „Ihr habt die Briefe nicht nach Berlin und woandershin sortiert, das muß getrennt werden.“ Man versprach ihm, das beim Drucksachen-Abstempeln nachzuholen. Hans entschuldigte sich daraufhin erst einmal: „Ich arbeite ja Tag und Nacht für die Kollegen, aber mal muß ich auch ’ne Pause einlegen, ich geh’ jetzt kurz was essen.“

Als er wiederkam, nach circa zwanzig Minuten, war die Sendung schon fast zur Gänze durchgestempelt und die Berliner Briefe in einem Kasten aussortiert. Hans war jedoch beim Essen eingefallen: „Ihr müßt die Briefe morgen ins Postamt Berlin 30 bringen. Alle Briefe, die über diese Frankiermaschine laufen, dürfen nur dort abgegeben werden, nicht einmal beim Postamt Zoo, das steht sogar im Vertrag mit der Post drin, das haben die sich schriftlich geben lassen.“ Ermattet versprachen die beiden ihm das sofort und ohne Widerrede, ja, sie schrieben sich sogar die Adresse des Postamts 30 auf.