Traum vom 23. April 1939 [Paris]. Ich gehe einen schmalen Bergpfad hinauf – die Landschaft von Sankt Helena: links ein Abgrund, rechts ein Felsabhang. Zum Aneinander-Vorbeigehen kein Platz. Von oben herab kommt mir ein Löwe entgegen. Riesengroß. Mit einem selbst für einen Löwen riesigen Gesicht. Ich schlage dreimal das Kreuz. Der Löwe legt sich auf den Bauch und kriecht auf der Seite des Abgrunds an mir vorbei. Ich gehe weiter. Mir entgegen – ein Kamel – mit zwei Höckern. Ebenfalls übermenschlich-, überkamelgroß. Von einer selbst für ein Kamel ungewöhnlichen Höhe. Ich schlage dreimal das Kreuz. Das Kamel steigt über mich hinweg (ich unter dem Gewölbe: eines Kegelturms: des Bauches). Ich gehe weiter. Mir entgegen – ein Pferd. Unweigerlich wird es mich zerschmettern, denn es fliegt in vollem Galopp daher. Ich schlage dreimal das Kreuz. Und – das Pferd jagt hinauf durch die Luft – über mir. Ich bewundere die Eleganz seiner luftigen Jagd.

Und – der Weg ins Jenseits. Ich liege auf dem Rücken, fliege mit den Füßen voran – der Kopf reißt sich los. Unter mir Städte... zuerst große, in allen Einzelheiten (spiralförmiger Flug), dann Händevoll kleiner weißer Steinchen. Berge – Buchten – ich jage weiter: mit dem Gefühl schrecklichen Heimwehs und endgültigen Abschieds. Das deutliche Gefühl, daß ich um den Erdball fliege und mich leidenschaftlich – und hoffnungslos! – an ihm festhalte, wissend, der nächste Kreis ist das Weltall: jene absolute Leere, die ich im Leben so gefürchtet habe: auf der Schaukel, im Fahrstuhl, auf dem Meer, in mir selbst.

Einen Trost gab es: daß es nicht aufzuhalten, nicht zu ändern war. Und daß es nicht schlimmer kommen würde. Als ich aufwachte, lag meine rechte Hand quer über der Brust auf dem Herzen ... Ja, natürlich ...

Ich nehme dieses Notizbuch am 5. September 1940 in Moskau wieder auf. Am 18. Juni Ankunft in Rußland, am 19. in Bolschewo, Wiedersehen mit dem kranken S. Unwirtlichkeit. Gehe Kerosin holen. S. kauft Äpfel. Allmähliche Herzbeklemmungen. Die Plackerei mit dem Telephonieren. Die rätselhafte Alja, ihre aufgesetzte Fröhlichkeit. Lebe ohne Papiere, zeige mich niemandem. Katzen. Mein geliebter, unfreundlicher, heranwachsender Kater. (All das ist für mein Gedächtnis und für niemandes sonst: Mur, wenn er es lesen sollte, wird es nicht erkennen. Und er wird es auch gar nicht lesen, denn er meidet dergleichen.) Torten, Ananas – davon wird es nicht leichter. Spaziergänge mit Milja. Meine Einsamkeit, Spülwasser und Tränen. Oberton und Unterton von allem – Grauen. Sie versprechen eine Trennwand – die Tage vergehen. Eine Schule für Mur – die Tage vergehen. Und die ungewohnte Dorflandschaft, das Fehlen von Stein: von Fundament. S’s Krankheit. Angst vor seiner Herzensangst. Bruchstücke seines Lebens ohne mich, – keine Zeit zuzuhören: die Hände voller Arbeit, höre ich nur angespannt zu. 100 Mal am Tag: in den Keller. Wann – schreiben??

Das Mädchen Schura. Zuerst – das Gefühl einer fremden Küche. Wahnsinnige Hitze, die ich nicht bemerke: Bäche von Schweiß und Tränen in die Spülschüssel. Niemand, an den man sich halten könnte. Ich beginne zu begreifen, daß S. ohnmächtig ist, völlig, in allem. (Ich, beim Auspacken: „Haben Sie denn nicht gesehen? So wunderbare Hemden!“ – „Ich habe Sie angesehen!“)

Ich rühre an die offene Wunde, an das lebende Fleisch. Kurz:) Am 27.. August, nachts, Aljas Verhaftung. Alja ist heiter, hält sich tapfer. Tut es mit einem Scherz ab.

Ich vergaß: Das letzte glückliche Bild von ihr, vor 4 Tagen, auf der Landwirtschaftsausstellung „Die Kolchosbäuerin“, in einem roten, tschechischen Umschlagtuch, einem Geschenk von mir. Sie strahlte.