Die Bundesbank ist eine mächtige und sehr effizient arbeitende Institution. In dem Vierteljahrhundert, das zwischen der Aufgabe des zerbombten Hauptgebäudes der Reichsbank an der Spree und dem Einzug in das neue Bundesbankgebäude in Frankfurt im Jahr 1972 vergangen ist, hat sich das Image deutscher Zentralbankpolitik gewandelt: Nicht mehr prunkvoll, sondern schlicht gibt man sich, und nicht mehr auftrumpfend, sondern unauffällig. Vor 1945 thronten die Bankiers der Reichsbank in mit schweren Teppichen ausgelegten Etagen auf Sesseln mit vergoldeten Armlehnen. An den Wänden hingen Gobelins, und Diener in Livree servierten erlesene Speisen. Diese Zeiten sind vorbei, sehr wahrscheinlich für immer. Die rechteckigen Schachteln, in denen heute die Bundesbanker arbeiten, sind mit Kaufhausmöbeln ausgestattet, der Teppichboden ist diskret und unauffällig gemustert, an den Wänden hängen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Die Bundesbank, weit weg vom Glanz der Hochhäuser und von den grell-lockenden Neonlichtern auf den Straßen der Frankfurter Innenstadt, strahlt eine seltsame Weitabgewandtheit aus.

Der Einfluß der Bundesbank auf die internationalen Geldmärkte geht vom obersten Stockwerk aus, von einem hohen, holzgetäfelten Konferenzraum. Hier versammeln sich die für ihre unabhängige Geisteshaltung und ihren hingebungsvollen Einsatz für die Stabilität der Währung weithin geachteten Mitglieder des Zentralbankrates. Die Währungshüter sind Deutschlands moderne Gralsritter. Als Waffen dienen dem Rat sein Renommee und das Vertrauen, das die deutsche Öffentlichkeit in ihn setzt; der böse Drachen, den er in Schach halten muß, ist die Inflation.

Fünfzig Meter unterhalb dieses Raumes liegen in unterirdischen Stahlkammern große Mengen von Banknoten, aber nur sehr wenig Gold. Dank der westdeutschen Exportüberschüsse konnte die Bundesbank in den fünfziger und sechziger Jahren einen der weltweit größten Goldvorräte anlegen – 3701 Tonnen oder knapp 300 000 Barren à 12,5 Kilogramm mit einem Marktwert von heute rund sechzig Milliarden Mark. In den Tresorräumen in Frankfurt liegen nur etwa achtzig Tonnen, das heißt knapp über zwei Prozent des Gesamtgoldes. Die Goldbarren wurden nie nach Deutschland gebracht. Während des Kalten Krieges war man bei der Bundesbank überzeugt, das Gold sei im Ausland sicherer als in Frankfurt.

Jeden zweiten Donnerstag sitzen die sieben Direktoriumsmitglieder und die Präsidenten der regionalen Landeszentralbanken auf braunen, ledergepolsterten Sesseln an einem ovalen Tisch und beraten die nächsten Schritte der Bundesbank in geldpolitischen Fragen. Die Donnerstagsrunde bietet ein Forum zur Erörterung der innerdeutschen Wirtschaft, internationaler Entwicklungen oder auch der Beziehung zur Regierung. Im Mittelpunkt aller Überlegungen steht jedoch die Festsetzung von Diskont- und Lombardsatz. Die Bundesbank legt damit den Schlüsselzins fest, zu dem sie den Banken Geld leiht; Diskont- und Lombardsatz sind die entscheidenden Instrumente, mit denen sie das Kreditwesen in Deutschland – und in ganz Europa – beeinflußt. Der Zentralbankrat verfügt über ein weiteres Instrument der Währungspolitik; er kann über die Festsetzung der Mindestreserven das Geldangebot der Geschäftsbanken steuern. Mindestreserven sind Einlagen, die die Banken zinslos bei den Landeszentralbanken halten müssen. Die Einrichtung wurde geschaffen, als die Alliierten die Bank Deutscher Länder gründeten; sie dient als der „Hebel“, mit dem die Notenbank das Ausmaß der Geldschöpfung durch die Banken unter Kontrolle halten kann.

Wichtiger als die heute sehr seltene Neufestsetzung der Mindestreservesätze ist die Offenmarktpolitik der Bundesbank. Die Bundesbank steuert über den An- und Verkauf öffentlicher Anleihen und vor allem Handelswechsel und anderer Arten festverzinslicher Wertpapiere die Liquidität der Banken. Über das Volumen solcher Geschäfte entscheidet das Direktorium der Bundesbank. Der Zentralbankrat führt das Direktorium jedoch relativ straff am Zügel, da er die allgemeine Zinsorientierung für das Offenmarktgeschäft festsetzt.

Die Donnerstagssitzungen beginnen um 9.30 Uhr morgens und dauern normalerweise bis zum Mittagessen, das ab etwa 13 Uhr angesagt ist. Stehen besonders schwierige Verhandlungen an – in der hektischen Vorbereitungsphase für die deutsche Währungsunion 1990 war das öfter der Fall –, können die Sitzungen auch den ganzen Tag dauern. Einige Teilnehmer meinen, die Qualität der Menüs, die im Speisesaal im obersten Stock serviert werden, übertreffe oft die Qualität der vorangegangenen Gespräche.

Nach jedem Treffen wird eine schriftliche Zusammenfassung der Diskussion ausgearbeitet, die allen Mitgliedern des Zentralbankrats sowie wichtigen Bonner Stellen in Kopie zugestellt wird. Einsicht in diese Protokolle ist der Öffentlichkeit erst nach dreißig Jahren gestattet.