ARD, mittwochs: „Vera Wesskamp“

Die neue Serie „Vera Wesskamp“ ist ein Frauen-Coup: produziert von einer Frau, geschrieben von einer Frau und als Stoff den Konflikt einer Frau zwischen Betrieb und Familie präsentierend. Nur Regie führt vorderhand noch ein Mann, doch auch das soll bei der nächsten Staffel anders werden.

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Stoffe, die sich so gegen das Unterhaltungsfernsehen sträuben wie die „Doppelbelastung“ – zu alltäglich und ermüdend ist das graue Thema. Um so kühner von den „Wesskamp“-Frauen, daß sie sich drangewagt haben. Witwe Vera, Anfang Vierzig, Mutter dreier Kinder und Chefin der „letzten Reederei in Familienbesitz“, erfährt die Wetterhäuschen-Qual: Entweder ist die Mutter draußen, dann leidet die Reederei, oder es ist die Geschäftsfrau draußen, dann leiden die Kinder – in verschärfter Variante: Ihr Bruder, verkaufswilliger Anteilseigner, intrigiert gegen sie; die große Tochter, dauersaures Produkt häuslicher Vernachlässigung, begehrt auf; und die Oma, statt die Gören zu hüten, macht sich abends lieber fein und geht aus. Zudem wird die Konkurrenz jährlich härter, kleinere Betriebe haben kaum noch Chancen, und „die Holländer sind immer noch drauf wie die alten Seeräuber“. Täglich muß Vera bei Wind und Wetter an Quais und auf Kähnen das Schlimmste verhüten: „Ich sitz’ in einem Rad, das sich unaufhörlich dreht.“ Aber sie ist unverwüstlich, sie braucht den Kampf und das Risiko, und sie liebt ihr Gewerbe. „Ich beruhige mich nicht.“

Die Serie hängt an ihrer Protagonistin. Mit Maren Kroymann erscheint da eine Reederin auf dem Schirm, die unternehmerische Entschlossenheit mit Sex-Appeal und mütterliche Sanftmut mit strategischem Weitblick paart. Dank dieser Frau hält sich „Vera Wesskamp“ oberhalb der Wasserlinie, wünscht man zu erfahren, wie es zwischen ihr und dem Ingenieur von der Stromaufsicht weitergeht und ob sie diesen Schlaffi von Bruder bald ausbootet. Die anderen Frauen jedoch, die für Idee, Dramaturgie und Dialoge zuständig sind, haben ihr Soll nicht so ganz erfüllt. Die Handlungsfäden schlingen sich kaum mal zum Ereignis, sondern zerfasern in offenen Drohungen und von Woche zu Woche schwerer verständlichen Unheilsbotschaften. Allzu vordergründig fühlt sich ferner die Zuschauerin auf die Doppelbelastung und ihre Härten gestoßen, allzu plakativ-propagandistisch wird Vera von verständnisloser Mitwelt und betrieblichen Havarien, von Leid, Betrug und Unbill aufgerieben.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß Frauen ihre spezifischen Anliegen in einer Vorabendserie zur Sprache bringen. Auch überzeugt die Botschaft, daß Unternehmungsgeist und Mut zum Risiko gerne weiblich sind. Aber die Spielregeln des Unterhaltungsfernsehens müssen eingehalten werden. Die wichtigste dieser Regeln lautet: Anliegen bitte immer gut verstecken! Ganz wie im richtigen Leben – wo die alltägliche Suche nach dem kleinen Vergnügen und das Wetter immer wichtiger sind als unser aller (größere, edlere) Anliegen.

Ich könnte meine Kritik an „Vera Wesskamp“ auch so zusammenfassen: Dieser Serie fehlt der Humor. Es reicht nicht, wenn in den Augenwinkeln der schönen Maren Kroymann hin und wieder ein Lächeln glimmt. Und man wende nicht ein, daß „Doppelbelastung“ den Humor vertreibe. Die ist vielmehr ausschließlich mittels Humor zu stemmen.

Barbara Sichtermann