London

Wie sich die Zeiten geändert haben. Vor fünf Monaten noch himmelten die Konservativen ihren Premier an. Nach seinem Wahlsieg wurde John Major zum Supermann hochstilisiert; alles schien dafür zu sprechen, daß die neunziger Jahre eine Dekade des „Majorismus“ werden würden, geprägt von einem Politiker mit scharfem Verstand, der Fähigkeit zu kühlem Krisenmanagement und dem rechten Augenmaß für die Rolle der Mittelmacht Großbritannien in einer sich rasant wandelnden Welt.

Vor allem aber schien es, als habe der Erbe von Maggie Thatcher tatsächlich das Rezept für die Quadratur des Kreises gefunden – nämlich für ein Ende des bitteren, oftmals selbstzerstörerischen Konflikts innerhalb seiner Partei über Europa. Im Juni hatten die Fraktionseinpeitscher der Konservativen die widerborstige Schar ihrer Abgeordneten zusammenhalten und die Ratifizierung der Verträge von Maastricht in der zweiten Lesung vorantreiben können. Der Weg nach vorn schien frei zu sein.

Jetzt aber ist John Major unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Binnen weniger Stunden brachen in der vergangenen Woche die Pfeiler seiner Europa-, Wirtschafts- und Währungspolitik weg. Die Mitgliedschaft des Pfundes im europäischen Wechselkursmechanismus, die Major als Schatzkanzler der widerstrebenden Margaret Thatcher aufgezwungen hatte und die ihm doch als einzig sicherer Weg hin zu einer gesunden Wirtschaft und zu stabilen Preisen galt, mußte nach den Turbulenzen auf den Finanzmärkten suspendiert werden. Statt fester und gesicherter Währung blieb dem Premier ein floatendes, mithin frei fallendes Pfund.

So rapide, wie der Kurs der britischen Währung stürzte, so plötzlich kühlten die Beziehungen mit Deutschland ab. Dabei hatte Major die Bundesregierung regelrecht umworben, um das europäische Führungsduo Bonn-Paris zu einem Trio unter Einschluß Londons zu erweitern. In seiner Partei aber entbrannte nun mit Urgewalt erneut jener Konflikt, den er durch die Verknüpfung von Wirtschafts- und Europa-Strategie ein für allemal hatte beilegen wollen.

Niemals zuvor ist der politische Kurswert eines britischen Premiers der Nachkriegszeit so dramatisch gesunken. Selbst Margaret Thatcher hat in dunkelsten Zeiten und schwersten Krisen nicht solche Popularitätsverluste bei den Wählern und dem eigenen Parteivolk hinnehmen müssen, wie sie jetzt von Blitzumfragen vermeldet werden. Gnadenlos begab sich auch die Presse daran, John Major zu demontieren. „Wer glaubt noch daran, daß diese Regierung fähig ist, sich für eine richtige Politik zu entscheiden und daran festzuhalten?“ fragte etwa die Financial Times. John Major muß es sich gefallen lassen, mit früheren Premierministern wie Harold Wilson und Neville Chamberlain verglichen zu werden, die als Schreckensfiguren der britischen Geschichte gelten; wegen der ausgeprägten Prinzipienlosigkeit Wilsons und der verhängnisvollen Neigung Chamberlains, an falschen Grundsatzentscheidungen bis zum bitteren Ende festzuhalten.

Plötzlich gilt John Major als kleinbürgerlichbuchhalterischer Politiker, ohne Sensibilität für die Stimmung in Volk und Partei, als eine fatale Kreuzung aus einem verbohrten Technokraten und einem engstirnigen Überzeugungspolitiker, dem selbst noch Margaret Thatcher als Vorbild an Flexibilität vorgehalten wird. Selbst Edward Heath, erzürnt über den Terraingewinn der konservativen Europa-Gegner, entdeckt ein „Führungsvakuum“ an der Spitze der Regierung. Unterdessen lassen Hinterbänkler ganz ungeniert ihrem Unmut freien Lauf; sie rufen gar zur Revolte gegen eine Rückkehr in den Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems und gegen das verhaßte Abkommen von Maastricht auf.