Von Fredy Gsteiger

Kopenhagen

Die Feier war verpatzt. Nachdem er die Jubiläumstorte angeschnitten hatte, wollte Poul Schlüter eigentlich von seinen Erfolgen im hohen Amte erzählen. Aber just zum Jubiläum rauschte es gewaltig im dänischen Blätterwald. Als hätten sie sich verschworen, ließen sämtliche Gazetten eine Bombe platzen: Eine frühere Freundin des Regierungschefs hatte im sogenannten Tamilenskandal ausgepackt, der Dänemarks kleine politische Welt seit Jahr und Tag in Atem hält.

Natürlich wollten die zur (bescheidenen) Jubelfeier geladenen Journalisten nun über ganz andere Dinge reden als über Erstrebtes und Erreichtes in Schlüters zehn Regierungsjahren: Hat der Ministerpräsident gelogen, als er in seiner berühmten „Teppichrede“ vor dem Parlament erklärte, es werde „nichts unter den Teppich gekehrt“? Hat er doch davon gewußt, daß sein damaliger Justizminister Gesuche tamilischer Flüchtlinge um Familienzusammenführung einfach im Aktenschrank Staub ansetzen ließ, statt sie, dem Gesetz entsprechend, gutzuheißen? Hat Schlüter seinen Parteifreund bewußt gedeckt?

„Elegant, wirklich elegant!“ meinte der Premier mit verkniffener Miene. Und als ihn ein Journalist direkt auf die Schlagzeilen des Tages ansprach, würgte er dessen Frage unwirsch ab. So bekommen die Dänen ihren Regierungschef selten zu sehen. Schlüter selber bezeichnet seinen Führungsstil als locker, offen und pragmatisch. Und er unterstreicht, wie wichtig ihm gerade der Humor in der Politik ist. Das sonnige Gemüt gestehen ihm auch seine politischen Gegner zu: „Er ist ein lustiger Mann“, urteilt sein Amtsvorgänger, der Sozialdemokrat Anker Jørgensen, „ich mag seinen Witz.“

Doch die Tamilenaffäre ist ein wunder Punkt für Schlüter. Überführt ihn nämlich der Untersuchungsbericht, der in den nächsten Wochen vorgelegt werden soll, der Lüge, dann dürften die Tage von Schlüters überraschend langer Amtszeit gezählt sein. Allerdings: „Der Bericht wird für den Herbst erwartet, aber kommt der Herbst?“ spottet Anger Ahm. Der Chefredakteur von Politiken deutet damit an, wie lange sich die Aufklärung der Affäre schon hinschleppt – so lange, daß die meisten Dänen ihrer längst überdrüssig sind. Überdies: Nicht wenige halten das Stützen eines politischen Freundes für eine Tugend. Und womöglich gibt es gar eine Mehrheit im Volk, die gutheißt, daß der Justizminister in den achtziger Jahren gegen die Gesetze verstieß und die Einwanderung aus fernen Landen bremste.

Poul Schlüter könnte also auch diesen Skandal überleben, wie er so viele andere Krisen überlebt hat. Auch ohne die Affäre wäre freilich Poul Schlüters Zehnjähriges nicht zum großen Evenement geworden. Huldigungen und Würdigungen bringen die Dänen ihren politischen Führern nicht gern entgegen. Ein Kabinettsfrühstück und ein Essen in einem öffentlichen Restaurant müssen reichen. Angesprochen auf die in Deutschland von Richard von Weizsäcker angezettelte Debatte über die Verdrossenheit der Bürger gegenüber dem Parteienstaat, meint Dänemarks Regierungschef, diese sei in seinem Land nun ganz und gar nicht neu. „Der Bürger bringt dem Politiker immer Mißtrauen entgegen.“ Schlüter weiß also, daß er auch nach zehn Amtsjahren keine unantastbare Vaterfigur geworden ist. Er schneidet in Umfragen lediglich unter all den mehr oder minder ungeliebten Politikern klar am wenigsten schlecht ab.