Von Harro Zimmermann

Wahrheit ist, was der Partei politisch nützt.“ Als der hochmögende Professor für Geschichtswissenschaft diese Maxime im Hörsaal der Humboldt-Universität verkündet hatte, herrschte eisiges Schweigen im fachkundigen Auditorium. „Niemand lachte über diese Absurdität“, schreibt Stefan Wolle, einer der Mitbegründer des Unabhängigen Historiker-Verbandes (UHV). „Das vernichtende Gelächter, das an dieser Stelle fällig gewesen wäre, blieb nicht etwas aus, weil solch unbotmäßiges Verhalten unabsehbare politische Repressionen nach sich gezogen hätte. Derartige Befürchtungen spielten wohl nur ganz am Rande eine Rolle. Im Gegenteil – den meisten Anwesenden schien das simple Diktum des Professors von tiefer Weisheit zu sein.“

Damit ist gleichsam eine Urszene aus jenem „Gebäude des mächtgeschützten Monologs“ (Hartmut Zwahr) beschrieben, das die SED aus der DDR-Historiographie gemacht hatte. Historische Forschung mußte ein einheitliches sozialistisches Geschichtsbild auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus präsentieren und dieses in ein sozialistisches Geschichtsbewußtsein umsetzen, „das die Bewohner der DDR dazu stimulieren und befähigen (sollte), aktiv für die DDR einzutreten“. Die revolutionäre Rolle der Partei war auf allen Ebenen von Agitation und Propaganda zu unterstützen. Noch am 31. Oktober 1989 forderte das Präsidium der Ostberliner Akademie der Wissenschaften ein solchermaßen „mobilisierendes Geschichts- und Gesellschaftsverständnis“.

Dem bürokratisch verhärteten sozialökonomischen Zentralismus der DDR entsprach eine monströse ideologische Kommandoapparatur mitsamt einem Wildwuchs an „behördlich verordneten Geschichtsmythen“ (Wolle). Noch Monate nach der Wende führte die zunftamtliche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft ihren orthodoxen Ergebenheitsdiskurs weiter. Kein ostdeutscher Geschichtswissenschaftler, sieht man von den aufbegehrenden Jungforschern im UHV ab, hat sich an den Anti-SED-Demonstrationen oder an den öffentlichen Bekenntnissen von Intellektuellen gegen das implodierende Regime beteiligt.

Das vor allem dokumentiert der von Rainer Eckert, Wolfgang Küttler und Gustav Seeber herausgegebene Band in wünschenswerter Klarheit: Die Historiker der ehemaligen DDR waren in den meisten Fällen nicht nur nach außen ergebene Vasallen des Systems, sie hatten auch so gut wie keine unbotmäßigen Manuskripte in ihren Schreibtischläden, die nach der Wende endlich hätten publiziert werden können. Überhaupt, so Jürgen Kocka in seinem präzisen Nachwort, ist kaum dokumentierbar, was die Mehrheit der ostdeutschen Kollegen eigentlich zum Umbruch ihres Staates, zu den Vergangenheits- und Zukunftsproblemen ihres Faches tatsächlich denkt. Die (auch psychologisch) tiefreichende Selbstverständigungsdebatte, die es ohne Frage derzeit gibt, ist an dieser Dokumentation daher kaum nachvollziehbar. Und dennoch ist dieses Buch wichtig und in vielfacher Hinsicht (er-)kenntnisfördernd; auch wenn es den Stand der Ereignisse vor der Abwicklungsphase beleuchtet und nahezu sämtliche Probleme der Integration des ost- und westdeutschen Wissenschaftssystems ausblenden muß.

Weit spannt sich der Bogen der selbst- und fachkritischen Reflexionen über jene vierzig Jahre herrschaftlicher Deformation, die an dieser Wissenschaft und ihren Repräsentanten exekutiert worden sind. Am vehementesten argumentieren die jungen, oft schon früh ausgegrenzten und an der Karriere gehinderten Historiker im Umkreis des UHV. Der Vorwurf gegenüber den Etablierten der Zunft: Ihr spätes Eingeständnis, „versagt“ zu haben, solle nur kaschieren, daß sie „sich möglichst geschickt und ohne echte Veränderung auf die neuen Bedingungen“ einstellen wollen und an der Kontinuität ihrer Macht arbeiten. Sie, die jahrzehntelang die offizielle Geschichte umgeschrieben hätten, schrieben nun ihre eigene Geschichte um.

In der Tat: von der flotten demokratischen Kehrtwendung bis zum harschen Gegenangriff auf die neuen „Wahrheitsmonopole“ und die aus dem Westen geförderte „Selbstpreisgabe“ der DDR findet sich hier eine farbige Palette von bekenntniseifrigen Stellungnahmen. Und doch muß man einschränkend sagen, daß die meisten ehemaligen DDR-Historiker sich lieber einer besseren Zukunft annehmen als sich der peinigenden Analyse ehemaliger Verantwortlichkeit zu unterziehen.