Von Jan Feddersen

Der Mond war eben über dem Louis-Armstrong-Stadion aufgegangen, da verwandelt der 26jährige Schwede Stefan Edberg seinen Matchball gegen den Amerikaner Pete Sampras. „Jetzt hab’ ich ’ne Gänsehaut“, läßt Helmut, Bauingenieur aus Köln, mitten in den Siegesbeifall der 10 000 Zuschauer hinein, die Umstehenden wissen. Wobei sein Klatschen keinen Zweifel daran läßt, daß seine leichte Erregung dem sportlichen Kick gilt, nicht der romantischen Sequenz am Himmel.

Für den Mittzwanziger steht endgültig fest, daß der Ausflug, eine Einladung seiner Firma nach New York, gelohnt hat: „Am Fernseher kommt das nicht so gut.“ Er ist nur einer von fast einhundert deutschen Tennistouristen, die in diesem Jahr eigens für das bestdotierte Grand-Slam-Turnier der Welt die TV-Perspektive gegen das Live-Erlebnis eingetauscht haben: „Einmal dabeisein. Dat isses.“

Es kommt ein merkwürdig buntes Völkchen zusammen, das sich von Deutschland aus über den großen Teich aufgemacht hat, um dort in Sichtweite Manhattans mehr oder weniger begabte Tennisakteure zu sehen, die sich zum Lohne hoher Preisgelder gelbe Filzkugeln um die Ohren hauen. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, sagt mit wegwerfender Handbewegung der junge Banckaufmann aus München, der von seiner Mutter die 4000 Mark für den Trip spendiert bekommen hat.

Unausgesprochen bezeichnet die Floskel das gemeinsame Motto aller Tennisfreaks: Luxus mit Sinn, schließlich wird nicht gelebt, um den Erben irgendeinen Pfennig zu überlassen. New York allein freilich wäre für die meisten kein Grund, sich den (möglichen) Strapazen wie Jetlag oder Junkfood oder Handtaschenraub auszusetzen: „Mein Mann hatte im vorigen Jahr einen Schlaganfall“, erzählt die Unternehmersgattin aus dem Westfälischen mit Bedauern, „da war dann kein gemeinsamer Urlaub mehr drin. Und New York wollte ich unbedingt mal sehen.“

Ihr Sohn offenbar auch. Deswegen durfte er mit auf diese Bildungsreise modernen Typs. Der angehende Abiturient, für drei Tage offiziell als Begleitung seiner Mutter auf einer Geschäftsreise von der Schule abgemeldet, ist schwer begeistert: „Alles ganz anders hier, als ich dachte.“

Überhaupt – die Geschäftsreisen. Die Westfälin, die, anders als der graumäusige Ingenieur aus dem Hessischen, auch nach vier Tagen N.Y. in einem schnieken Outfit erscheint, als sei das Tennisturnier eine Variante des Neujahrsempfangs beim Bürgermeister einer deutschen Kleinstadt, hat annähernd 20 000 Mark, einschließlich diverser Extras, für den Trip ausgegeben. Die Summe stürzt sie keineswegs in Armut, gibt sie freimütig zu, wenngleich eine Geschäftsreise, nun ja, steuerlich zumindest günstig verbucht werden kann.