Von Klaus Pokatzky

Damals, vor eineinhalb Jahren, hatten ihn Lehrer einer Lübecker Berufsschule um einen Vortrag gebeten. In der Aula waren dann fünf oder sechs Klassen versammelt, die Lehrer hatten sich an den strategischen Punkten postiert. Viele Schüler liefen als Skinheads herum. Wolfgang Benz redete über Nationalsozialismus und Rechtsextremismus und was er davon hielt. Die Zuhörer wirkten gelangweilt. Da stand plötzlich ein Junge in Springerstiefeln und Bomberjacke auf und ging langsam auf den Redner zu. Ob er ihn vom Katheder fegen wolle, fragt Wolfgang Benz; nein, er müsse nur mal austreten, ob das wohl erlaubt sei ...

Natürlich erlaubte das der Professor aus Berlin, und die ganze Versammlung freute sich und lachte; schließlich kam sogar noch ein richtiger Dialog zustande. Und Wolfgang Benz wurde nicht der Kopf eingeschlagen, als er darauf beharrte: „Wir brauchen die Ausländer bei uns zur Finanzierung unseres Rentensystems.“

Das sind Geschichten, die der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin gerne erzählt, farbig, aber in allertrockensten Formulierungen und mit betont blauäugigem Lidschlag. Natürlich würde er nicht mit einem siebzehnjährigen Skinhead, der zwanzig Dosen Bier am Vormittag getrunken hat, diskutieren wollen, „aber mit der Menge derjenigen, die verführt sind, kann man in einen Dialog kommen“. Kann man? „Man muß es einfach probieren.“

Am Kriegsende, als Wolfgang Benz vier Jahre alt war, konnte niemand ahnen, daß er einer der renommiertesten, publizierfreudigsten und formulierfähigsten NS-Forscher würde; der Vater war kein Jude, war auch kein Nazi, sondern ein „hochkonservativer Arzt, katholisch bis zum Gehtnichtmehr“ und überzeugter Gegner Hitlers. Er wollte, daß sein Sohn ebenfalls Mediziner werde. Als Benz Junior 1960 ein Studium der Neueren Geschichte, der Philosophie, Kunstgeschichte und Politischen Wissenschaft begann, wurde das Vater-Sohn-Verhältnis nicht unbedingt besser.

In den ersten Semestern plante er gar, später in den Journalismus zu gehen, und hospitierte in den Ferien bei der heimatlichen Zeitung in Ellwangen. Als er aber 1962 studentische Hilfskraft im Archiv des Münchner Instituts für Zeitgeschichte wurde, von früh bis spät den Briefwechsel von Heinrich Himmler mit seinen Untergebenen und alle möglichen anderen Dokumente aus der NS-Zeit in sich hineinfraß, als sechs Jahre später seine letzte Seminararbeit über den Reichsarbeitsdienst in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte veröffentlicht wurde, „ein triumphales Glücksgefühl“, da war der weitere Weg vorgeschrieben.

Zwei Jahrzehnte lang war er hauptamtlicher Mitarbeiter des Münchner Instituts, Autor und Herausgeber von inzwischen vierzig Büchern zum Nationalsozialismus, zur Nachkriegszeit, zur Entwicklung der Bundesrepublik. Und seit zwei Jahren ist er Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung als Nachfolger dessen Gründers Herbert A. Strauss. Damit war auch die Ernennung zum deutschen Universitätsprofessor verbunden: ein Begriff, über den er sich häufig lustig macht, gern auch in der Variante des „mediengeilen deutschen Universitätsprofessors“.