Von Wilfried Kratz

Trotzig und zugleich erlöst, verkündete Finanzminister Norman Lamont den Beginn einer neuen Ära: „Unser Wechselkurs schwankt frei, und von nun an werden wir eine britische Wirtschaftspolitik und eine britische Geldpolitik haben.“ Die plötzliche Betonung des Nationalen erweckte den Eindruck, als habe die konservative Regierung Major bisher eine fremdbestimmte Politik verfolgt und dabei nationale Interessen vernachlässigt. Genau das werfen die Kritiker der Regierung auch vor: Die knapp zweijährige Mitgliedschaft des Pfundes im Wechselkursgefüge des Europäischen Währungssystems habe Großbritannien der Hochzins-Politik der Bundesbank ausgeliefert und die Rezession verschärft.

Als die Regierung am 16. September unter dem gnadenlosen Druck des Devisenmarkts schließlich das Handtuch warf und den Wechselkursverbund verließ, befand die Times: „Mit einem Sprung sind wir frei. Nach zwei Jahren sinnloser Selbstzerstörung hat sich der gesunde Menschenverstand schließlich durchgesetzt.“ Der Kommentar war typisch für diejenigen, die aus der Demütigung, als welche das Währungsdebakel von vielen empfunden wird, noch die Genugtuung schöpfen konnten, schließlich wieder auf der richtigen Bahn zu sein.

Die Regierung von Premierminister John Major ist noch wie betäubt von den Erschütterungen, welche den Eckpfeiler ihrer Wirtschafts- und Europapolitik zerbrachen. Ein festes Pfund Sterling im Währungssystem sollte das zentrale disziplinierende Instrument sein und den Briten die Inflationsmentalität austreiben. Der wenn auch späte Eintritt sollte zugleich in der zu Ende gehenden Ära von Margaret Thatcher die europäische Gesinnung der Regierung demonstrieren und, wie Major später immer wieder betonte, die politische Position Großbritanniens im Zentrum der europäischen Entwicklungen belegen.

Die tief verunsicherte Regierung Major vollzieht nun eine Kehrtwende. Zunächst erzwang der Markt eine Abwertung des Pfundes bis auf fast 2,50 Mark oder um über vierzehn Prozent gegenüber dem alten Mittelkurs von 2,95 Mark, den Lamont bis zuletzt als „nicht überhöht“ verteidigt hatte, auch nachdem der Kurs am unteren Interventionspunkt von knapp 2,78 Mark angelangt war. Befreit von der Rücksichtnahme auf einen fixierten Wechselkurs, senkte die Regierung am Dienstag den Leitzinssatz von zehn auf neun Prozent. Selten wurde eine so zäh und mit ganzem Einsatz verteidigte Politik so rasch und drastisch gekippt.

Dieser Umschwung betrifft nicht nur die Einschätzung und Steuerung der Konjunktur, sondern auch den Wert und die Bedeutung des Währungssystems. Nach fast zwei Jahren hat Major, welcher als Finanzminister den Beitritt gegen die widerstrebende Margaret Thatcher durchsetzte, festgestellt, daß das System für Großbritannien doch nicht taugt. Er hat „Verwerfungen“ entdeckt, die nun behoben werden müßten. „Wir werden nicht in das System zurückkehren, bis es reformiert ist“, erklärt Major und möchte das Thema auf der Sondersitzung des Europäischen Rates im Oktober erörtern.

Die Geschichte der britischen Währungsliaison mit Europa ist nicht sehr glücklich. Vor zwanzig Jahren schlüpfte London unter konservativer Regierung in die damalige europäische „Währungsschlange“, mußte das Pfund aber nach wenigen Wochen unter dem Druck der Spekulation wieder herausnehmen. Als 1979 das jetzige Währungssystem geboren wurde, hielt sich die Labour-Regierung Callaghan fern mit der Begründung, das Pfund sei zu schwach. Margaret Thatcher sperrte sich viele Jahre erfolgreich gegen die „Europäer“ im eigenen Land. Sie wollte sich nicht dem „deutschen Diktat“ unterwerfen, weder politisch noch ökonomisch. Ihre Sprecher drehten vor einem gähnenden Publikum die Gebetsmühle: London trete bei, „wenn die Zeit reif ist“, eine Formel, die nun wieder aufersteht.