Von Rüdiger Wischenbart

Die Moderne, wie sie in Zentraleuropa (mit-)erfunden wurde, ist ein Kind von Auswanderern. Aus dem vermeintlich „dunklen“ Osten und Südosten erreichten Europa einige der hellsten Impulse dieses Jahrhunderts. Der eine oder andere Entdecker – wie Joseph Roth – wurde als nostalgischer Abenteurer disqualifiziert. Andere, wie Tristan Tzara, Paul Celan oder Elias Canetti, hat man nachträglich ihrer Herkunft entblößt. Als „Migranten“ und Wanderer zwischen den Welten erweitern sie die Karte europäischer Kulturgeographie und Kulturidentität, weil sie für kulturellen Zuwachs sorgen. Allerdings, von einer „multikulturellen“ Gesellschaft avant la lettre kann in der seligen Vergangenheit nicht die Rede sein. Im Gegenteil, die Traumata der ständig erzwungenen Grenzkonflikte und Grenzüberschreitungen lassen hochkomplizierte Identitätsmuster entstehen.

1.

Wien wächst wieder. Maßgeblichen Anteil hat daran eine verstärkte Zuwanderung.“ Seit 1990 wissen wir es. Zuvor war Wien, die verblaßte imperiale Residenz, achtzig Jahre lang beständig geschrumpft.

Im Herbst 1989 brach die Grenze auf, gegen die sich die Stadt seit 1945 stützte und vor der sie sich in Sicherheit wiegte. Ihre östlichen und südöstlichen Ränder, an denen man zwischen den technoiden Himmelsfingern kalorischer Kraftwerke in Glashäusern das Gemüse für die Großstadt zieht, und die Siedlungsbrachen, die man ironisch anstelle des verlorengegangenen „Transleithaniens“ nun „Transdanubien“ nennt, wurden plötzlich von ungeduldigen Experten durchfahren und erforscht. Eine neue, östliche City wird geplant. Es gärt.

1910, als Wiens Expansion erstmals kulminierte, erlebte ein Kind, das sich wissensdurstig dem Schulalter näherte, in einem fernen Dorf namens Rustschuk, wo die Donau die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien, zwischen Karpaten und Balkan zieht, wie seine Eltern über die gewaltige Entfernung hinweg immer wieder vom prächtigen und modernen Wien träumten.

„Wenn der Vater vom Geschäft nach Hause kam, sprach er gleich mit der Mutter. Sie liebten sich sehr in dieser Zeit und hatten eine eigene Sprache unter sich, die ich nicht verstand, sie sprachen deutsch, die Sprache ihrer glücklichen Schulzeit in Wien.“ Elias Canetti versetzt sich Jahrzehnte später zurück ins Flair dieser Kindheit an der Peripherie, die kulturell so innig vom Flair der Metropole erfüllt sein wollte. Das „Burgtheater“ und sein „Deutsch“, das er mit den Sinnen der Mutter aufsaugte, wurden ihm ein Leitstern, dessen Kraft ihn zeitlebens nicht mehr losließ.