MÜNCHEN. – Hoch oben im Wies’n-Zelt des Hofbräuhauses schwebt riesengroß und pausbäckig auf einer Wolke aus Pappmaché Aloisius, der Dienstmann. Zu Füßen der Harfe spielenden und „Hosianna“ singenden Figur des „Münchners im Himmel“ ist dagegen schon jetzt für knapp tausend Menschen der Himmel auf Erden ausgebrochen: Australier und Neuseeländer geben sich hier der münchnerischsten aller Vergnügungen hin, dem grenzenlosen Biertrinken. „Wegen des Lieds ‚In München steht ein Hofbräuhaus‘ und weil wir mit dem höchsten Exportanteil die bekannteste deutsche Brauerei in Australien und Neuseeland sind“, erklärt Wies’n-Wirt Günter Steinberg das Phänomen, warum ausgerechnet sein Zelt alljährlich zur Hochburg der rauschigen „Kiwis“ und „Aussis“ wird.

Mittlerweile hat sich der Wirt auf die trinkfesten und trinkfreudigen Gäste eingestellt. Zum Beispiel mit Handzetteln: „Please don’t stand up on tables and benches. The theft of jugs will be prosecuted by the police.“ Doch die Mahnung zeigt nicht immer Wirkung, ein geklauter Maßkrug ist als Souvenir durch nichts zu ersetzen. Damit das Tanzen auf Bänken und Tischen unterbleibt, hat sich der Wirt zu einer Neuheit auf der Wies’n entschlossen. Im Zentralbereich vor der Bühne mit der Blasmusi und unter dem pappenen Aloisius ließ er die traditionellen Biertische wegräumen und durch hochbeinige Tresen ersetzen. „Es ist zwar nicht unbedingt die bayerische Art, wie die hier feiern, aber das sind die von ihren Pubs her so gewöhnt“, rechtfertigt Festwirt Steinberg die unübliche Maßnahme für die im Maß-Nehmen nicht ungeübten Gäste. Vier, fünf und noch mehr Maß (also Liter) sind keine Seltenheit. Und wenn die Kapelle dann noch zwischen „Schneewalzer“ und anderen Schunkelstücken die „Waltzing Mathilda“, Australiens inoffizielle Nationalhymne, über die Köpfe hinwegschmettert, ist kein Halten mehr. Dann werfen „Aussis“ und „Kiwis“ ihre T-Shirts in die rauchschwadige Luft, grölen einander blockweise Schlachtgesänge zu und setzen ihre transtasmanischen Rivalitäten als Wettkampf im Biertrinken fort. Manchem hat das schon eine Nacht im Ausnüchterungszelt eingebracht.

Die meisten überseeischen Bier-Fans sind gerade mal zwanzig, jedenfalls kaum älter als fünfundzwanzig, und kommen von Rucksacktouren quer durch Europa oder direkt aus London. Die Trinkgelage auf dem Oktoberfest sind krönender Höhepunkt oder gar Abschluß ihres great o.e. (steht für: overseas experience), einer Art In-die-Welt-Hinausschnupperns, das sie zwischen College und Busineß für ein oder zwei Jahre zum Jobben nach England führt.

„Ich lass’ sie dieses Jahr gar nicht mehr rein“, erklärt kategorisch Siegfried Stroh, seit fünf Jahren Pächter des Campingplatzes in München Thalkirchen. Bislang war die Anlage an der Isar erste Anlaufstelle für den Troß der „Aussis“ und „Kiwis“: „Das glaubt einem ja keiner, wie es da zugeht. Die saufen schon, bevor sie auf die Wies’n gehn, dann saufen sie auf der Wies’n, und wenn sie nachts zurückkommen, saufen sie hier weiter. Ich hab’ das noch nirgends erlebt, daß Menschen irgendwo hinfahren, nur um sich grenzenlos zu betrinken. Bei uns auf dem Campingplatz, da geht es zu, das können Sie in Ihrer Zeitung gar nicht schreiben.“ Als Beweisstück für die Zustände während der vierzehn Tage Wies’n-Zeit hat er im vergangenen Jahr einen Videofilm gedreht – damit ihm die Stadtverwaltung „abnimmt, was da so los ist“. Und los ist da einiges: Beispielsweise das Wettrinken um die Mitgliedschaft im „Club onehundred“. Aufgenommen wird, wer hundert Schnäpse, also gut zwei Flaschen Korn oder Billigobstler, wegtrinkt. „Die liegen dann als lebloser Haufen kreuz und quer, kotzen und pinkeln sich gegenseitig an und sind so besoffen, daß sie es gar nicht mehr merken.“ Wer noch halbwegs was mitkriegt, steht daneben, johlt und klatscht Beifall. „Mit meinen zwei Platzaufsehern bin ich da machtlos. Gegen die hundert oder zweihundert Besoffenen haben wir keine Chance. Und die Polizei brauch’ ich auch nicht zu holen, die sagen nur, da liegt keine kriminelle Handlung vor.“ In der Tat: Die Australier und Neuseeländer erweisen sich auch mit medizinisch höchst bedenklichem Alkoholpegel als friedliche Zecher. „Die sind ned streitsüchtig“, erklärt Wies’n-Wirt Günter Steinberg. Vergangenes Jahr lag das Hofbräu-Zelt in der Statistik der Schlägereien im letzten Drittel.

„Weil die aber“, so Siegfried Stroh, „jeden Campingplatz zur Sau machen und weil wir keinen mehr reinlassen“, hat die Stadtverwaltung in diesem Jahr einen riesigen Parkplatz hinter einer Sporthalle als Lager ausgewiesen. Hier kampieren die fernen Gäste in verrosteten, alten VW-Bussen und Wohnmobilen, in Iglu-Zelten oder im Schlafsack unter freiem Himmel.

PS: Um der journalistischen Pflicht zu genügen, mischte sich der Autor am ersten Wies’n-Sonntag unter, die „Kiwis“ und „Aussis“ im Hofbräu-Zelt. Ergiebig war die Recherche keineswegs. Nicht nur, weil die Musik so laut spielte, daß man sein eigenes Wort kaum verstand, auch Ansätze eines Interviews erstickten zwischen Maßkrugstemmen, Zuprosten und Rülpsen. Nur eins wurde von lallenden Stimmen mit bierselig verklärtem Blick immer wieder bestätigt: „Octowerfäst is grait.“

Heiner Uber