Von Werner A. Perger

New York

Die moderne Technik machte es möglich. Auf dem Weg durch die Lobby des New Yorker UN-Gebäudes sprach Klaus Kinkel über ein kleines Mobiltelephon mit Theo Waigel in Washington. Sie koordinierten die Bonner Position vor den Beratungen mit ihren europäischen Kollegen.

Koordinierungsbedarf hatten offenkundig auch die anderen. „Das habe ich noch nicht erlebt“, stöhnte ein deutscher Teilnehmer nach dem Außenministertreffen der Zwölf. Jede Delegation war technisch auf dem neuesten Stand. Während der Sitzung piepte und tutete es in einem fort. „Ständig verschwand einer halb unter dem Tisch, um zu telephonieren.“ Aufgeregtheit und Hektik am Tag nach dem Votum in Frankreich äußerten sich so auch in Details.

Im großen Bild auch. Denn es erwies sich schließlich als gar nicht einfach, eine gemeinsame Erklärung der Zwölf zu verabschieden. Die Sitzung wurde mehrmals unterbrochen; Israels Außenminister Schimon Peres, der mit den Zwölf zusammentreffen sollte, mußte eine Weile warten, bis der Text endlich stand. Nicht zuletzt Klaus Kinkel, assistiert vom Kollegen aus Belgien, hatte auf eine etwas konkretere Stellungnahme des Ministerrats zum französischen Referendum gedrängt. „Wir können nicht nur so dahinplätschern“, zitierte ihn hinterher sein Sprecher, „sondern wir müssen klare Worte sagen.“

Klaus Kinkel mischte insgesamt kräftig mit. In der Generalversammlung der Vereinten Nationen trat er zwar zum ersten Mal auf. Das Terrain der Zwölf aber kennt er inzwischen gut, und die elf Kollegen Minister kennen inzwischen auch ihn. Kinkel spricht ungewunden, nicht in diplomatischen Schnörkeln, mitunter in deftigen Bildern, aber daran haben die anderen sich gewöhnt. Mag sein, daß manchen die Deutlichkeit, mit der Kinkel sich gegen die Kritik an der Bundesbank und der deutschen Währungspolitik verwahrte, dennoch eine neue Erfahrung war, zumal den Herren aus London, die vor allem gemeint waren. Bei den jüngsten Währungsturbulenzen hätten manche Länder „sofort auf den Nachbarn verwiesen“, sagte Kinkel am Montag in der internen Ratssitzung der Zwölf. „Das ist für mich nicht akzeptabel, ich weise diese Kritik zurück.“ Kanzler und Finanzminister (und Bundesbank) wären auf ihren Außenminister gewiß stolz gewesen.

Klaus Kinkel hat sich viel vorgenommen. Er will es allen recht machen. Ein schwieriges Unterfangen, doch zum Glück ist der deutsche Außenminister damit nicht allein. Die meisten seiner europäischen Kollegen ziehen aus dem knappen Ja-Votum der Franzosen vor allem eine Lehre: Maastricht bleibt Maastricht, geändert wird nichts – aber die Europäer sollen den Vertrag möglichst rasch lieben lernen. In Klaus Kinkels etwas lyrischer Umsetzung vor der UN-Generalversammlung klang das laut Manuskript so: „Europa wächst nicht aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger oder gar nicht.“