Von Reiner Luyken

Die Straße windet sich einspurig und endlos zwischen felszerklüfteten Bergen und moorbraunen Abbrüchen auf die Halbinsel hinaus. Dort wird das Land flacher, das Meer ist mal blau und mal grau und oft ein chaotisches Rasen, ein Tosen aufgefetzten Wassers und sich übereinandertürmender Naturgewalten. Dahinter die Berge, versteinerte Piktenfürsten.

Die Häuser des Dorfes liegen wie an Land geworfenes Meeresgestein am Küstenhang. Das wellblechgedeckte, holzgetäfelte Postamt ist ein Kleinod weltferner Selbstgenügsamkeit. Nur in der Bar am Rückeingang des winkligen Hotels scheint normales Leben seinen Lauf zu nehmen.

Der Schein trügt. Zwei Typen stehen am Tresen, mit ihren Zeigefingern stochern sie einen merkwürdigen Rhythmus in die Luft und trällern näselnd eine altertümlich anmutende Melodie: „... hi-o tra ie-a hie-dro-hie...“

Den einen nennen sie Ollie, der andere ist Gordon. Gordon Meldrum, einer Selbstbeschreibung nach ein „dürrer, zu kurz geratener Baubudenrülps“, ist eine Type für sich. Ehemaliger Dudelsackmajor in einem schottischen Regiment der königlichen Armee, danach Sackpfeifer des Sultans von Oman. Heute Langustenfischer. Gordon hält inne und deutet grinsend auf Ollie: „Der Junge hat Musik in den Knochen!“ Ollie ist auf Besuch. Auch er ein piper. Das Wort bedeutet mehr als nur „Dudelsackspieler“, es beschwört eine ganze Kultur herauf. Ein piper ist ein Gezeichneter, Prophet und Opfer keltischer Kultur. „Es dauert sieben Jahre“, lautet eine Weisheit, „bis einer ein piper ist. Nach sieben Jahren steht der, der dazu, geboren ist, an der Pforte der Erkenntnis, und wenn er sein Ohr hingebungsvoll an die Baßpfeife schmiegt, kann er Zwiesprache halten mit dahingegangenen Generationen und lange verflossenen Zeiten. Er steht am Grab der alten Könige, und er erspäht Fingais Haarschopf, und er sieht den Widerschein des Mondes auf dem Krückstab der Druiden.“ Eine andere Weisheit lautet: Dupuytren-Kontraktur ist der Fluch des Sackpfeifers. Eine durch maßloses Üben und Alkohol verursachte Versteifung der Innenhand. In beiden Weisheiten steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit. Dudelsackspieler sind Besessene.

Gordon fällt mit leuchtenden Augen wieder in den näselnden Gesang ein: „... hihorodo him botrie...“ Ollie hat die Augen geschlossen. Die Melodie trägt ihn davon. Sie singen das „Lament um die Kinder“, eines der großen, klassischen Dudelsackstücke aus dem 17. Jahrhundert, komponiert von Padruig Mor MacCrimmon, piper der MacLeods von Dunvegan und der Johann Sebastian Bach des Dudelsacks – der Ur-Orgel. Die Melodie beginnt in pentatonischem D-Dur und endet in rätselhaftem b-moll. Das Thema mit seinen sieben Variationen dauert eine gute Viertelstunde. Jede Variation treibt die Spannung zwischen den konträren Tonarten in gewagtere Gefilde. „... hie-dirie-o ...“

Die Wörter sind Vokabeln einer alten Musiksprache, des Canntaireachd. Jahrhundertelang wurden die archaischen Lamentos und Salutmärsche, die namenlosen Etüden und zahllosen Reels nur im Canntaireachd von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die alte Sprache lebt bis heute. Gordon wurde sie gewissermaßen in die Wiege gelegt. Als Kind hörte er abends beim Einschlafen oft seinen Vater, einen seinerzeit weithin bekannten Sackpfeifer, unten im Wohnzimmer mit Freunden den Canntaireachd singen.