Von Friedhelm Gröteke

Italien hat mit der doppelten Abwertung seiner Lira eine Etappe im Wettlauf zum vereinten Europa verloren – auch wenn dieses noch niemand offen zugibt. Aber nach allen Analysen war Rom schon lange nicht mehr in der Lage, mit normalen Mitteln den im Europäischen Währungssystem (EWS) festgelegten Kurs seiner Währung zu behaupten. Die überzogene Staatsverschuldung und Inflationsraten hatten deren inneren Wert ausgehöhlt.

Dennoch blieb die Lira für Anleger lange attraktiv. Der Grund: Roms Notenbank setzte die Zinsen weit über dem Niveau der EG-Hartwährungsländer fest, mit italienischen Staatsanleihen ließen sich viel höhere Renditen als im Ausland erzielen. Solange das heimische und internationale Kapital darauf vertrauen konnte, daß Italien diesen Kurs trotz der drückenden Zinslast von umgerechnet mehr als 200 Milliarden Mark im Jahr hielt, ging alles gut.

Anfang dieses Jahres jedoch überstieg das Staatsdefizit erstmals nachhaltig das Sozialprodukt. Gleichzeitig erlitten die Parteien der christdemokratisch-sozialistischen Koalitionsregierung eine empfindliche Wahlniederlage. Beides ließ auf den Finanzmärkten die Alarmglocken schrillen. Selbst ein mutiges Reformpaket der Regierung Giuliano Amato konnte den Absturz nicht mehr aufhalten. Sonntagabend vorletzter Woche war es soweit: Die Lira wertete gegenüber allen übrigen Währungen im EWS um sieben Prozent ab. Schon nach zwei Tagen war allerdings der Druck erneut so stark, daß die Lira aus dem System herausgenommen werden mußte.

Bis zum Anfang dieser Woche verlor die italienische Währung zusätzlich ein Siebtel ihres Wertes; das entspricht ungefähr dem Abstand der Inflationsrate Italiens zur Bundesrepublik während der vergangenen fünf Jahre. Da jedoch eine Abwertung als Makel empfunden wird, mußte ein Sündenbock gefunden werden. So hat für viele Italiener nicht etwa die Lira den Anstoß zu den Unruhen in Europa gegeben. Vielmehr ist die Bundesrepublik mit ihrer harten Mark verantwortlich. „Der DM-Panzer zerquetscht die Lira“, titelte die Tageszeitung La Repubblica, Was hilft es da, daß Schatzminister Piero Barucci tapfer eingesteht: „Jetzt haben wir die Rechnung dafür bekommen, daß wir uns lange, lange Zeit nicht in Übereinstimmung mit unseren europäischen Partnern gehalten haben.“

Die Wahrheit will in dieser Stunde der Emotionen kaum jemand hören. Weil die Bundesbank den Diskontsatz nicht rechtzeitig und genügend senkte, müssen Lira und Pfund kapitulieren, ist die einhellige Meinung in Rom. Ein solcher Schritt wäre freilich für die abgenutzte Lira mit ihren fünfzehn Prozent Diskont und dem höchsten realen Zinssatz in Europa vergeblich gewesen. So bleibt den Italienern nur die fromme Illusion, ihr Land hätte ohne die Deutschen vielleicht doch seine riesige Schuldenbürde bis über die letzte Hürde zur gemeinsamen Europawährung schleppen können.

Die augenblickliche Katerstimmung hat zwei Gründe. Einmal muß Italien jetzt die Rechnung für die alte Schuldenmacherei bezahlen, und die Bevölkerung beginnt das zu spüren. Zum anderen ist auch die Hoffnung zunichte, die Lira möge wenigstens so lange ihren Kurs halten, bis nach dem französischen Referendum sich die Devisenmärkte wieder beruhigen werden. Italiens Regierung hätte damit für ein paar Wochen auch in der Innenpolitik Luft bekommen und sein Paket von Wirtschaftsreformen etwas gründlicher konzipieren und besser verkaufen können.