Von Rolf Michaelis

Wo hält sich eine achtzehnjährige Schülerin aus gutem Haus an einem tristen Moskauer März-Nachmittag des Jahres 1910 auf? Natürlich in der Buchhandlung Wolff an der Kusnezkij-Brücke. Die Tochter von Professor Zwetajew, der das Museum der Schönen Künste gegründet hat, ist mit der lungenkranken Mutter, die seit vier Jahren tot ist, schon oft im Ausland gewesen. Also weiß sie, wer da jetzt im Pelz zur Tür hereinkommt, eine Autorität im Kunstleben der Hauptstadt des Zarenreiches: der noch nicht einmal vierzig Jahre alte Dichter Walerij Jakowlewitsch Brjussow, einer der Begründer des russischen Symbolismus. Das schöne Mädchen mit den wassergrünen Augen hört, wie der „Meister“ herablassend diese Bestellung loswird: „Geben Sie mir ‚Chanteclair‘ – obwohl ich kein Verehrer von Rostand bin.“

Da wird die gern in Büchern stöbernde Marina Ivanovna rot vor Zorn. Edmond Rostand, ihr Lieblingsdichter! Hat die Napoleon-Schwärmerin nicht eben das Drama „L’Aiglon“ des französischen Erfolgsdramatikers übersetzt, dessen Titelheld der Herzog von Reichstadt ist? Sie eilt nach Haus, wo sie mit dem Vater und der zwei Jahre jüngeren Schwester Anastassija lebt, macht mal wieder keine Schularbeiten, sondern schreibt einen Protestbrief, der ihr zum literarischen Bekenntnis wird, an den „sehr verehrten“ Dichter:

„Eben haben Sie bei Wolff gesagt:‚... obwohl ich kein Verehrer von Rostand bin.‘ – Ich wollte Sie gleich fragen, warum? Aber ich dachte, Sie könnten meine Frage als müßige Neugier auffassen oder als ehrgeizigen Wunsch, ‚mit Brjussow zu sprechen‘. Als sich die Tür hinter Ihnen schloß, wurde ich traurig ... Warum mögen Sie Rostand nicht? Sehen denn auch Sie in ihm nur den ‚brillanten Phraseur‘, entgeht auch Ihnen seine unglaublich edle Gesinnung, seine Liebe zur heroischen Tat und zur Reinheit? ... Für mich ist Rostand – ein Teil meiner Seele, ein sehr großer Teil. Er tröstet mich, gibt mir die Kraft, einsam zu leben. Ich glaube, niemand, niemand kennt, liebt, schätzt ihn so wie ich. – Ihre beiläufige Bemerkung hat mich sehr betrübt.“

Dann zählt die junge Literarin ihre Lieblingsdichter auf und charakterisiert sie: Heine, Victor Hugo, Lamartine, Lermontow ... und schließt mit dem Satz: „Meine Schwester, das ‚kleine Mädchen mit den großen Brillengläsern‘, das Ihnen im Frühling auf der Straße gefolgt ist, denkt oft an Sie.“

Das ist mehr als der schwärmerische Verehrerbrief eines literarischen Backfischs. Das spürt Brjussow und bespricht wohlwollend den im Herbst desselben Jahres erscheinenden, ersten Lyrikband der jugendlichen Dichterin, „Abendalbum“. Über das Verlangen des Rezensenten nach „klareren Gefühlen als den herzigen Belanglosigkeiten“, die er fand, hat sie sich herzhaft geärgert.

Im zweiten der überlieferten Briefe von Marina Zwetajewa, deren Korrespondenz schon jetzt, noch vor Öffnung der Moskauer Archive in acht Jahren, fast unübersehbar ist, finden wir bereits, was die frischvermählte Dichterin vier Jahre später als eines der Gesetze ihres Lebens erkennt: „In mir ist zuviel Sehnsucht und Protest.“ Fünfzehn Jahre später klagt die Mutter zweier Kinder, die ihrem Mann ins Exil gefolgt ist, einer Freundin: „Das stärkste Gefühl in mir ist – die Sehnsucht. Vielleicht habe ich gar keine andern Gefühle.“

Auch ein anderes Erkennungswort der jungen Frau – wie der Dichterin – wird im Protest-Schreiben an Brjussow ausgesprochen: „einsam“. Wenig später schreibt sie dem russischen Dichter und Maler Maximilian Alexandrowitsch Woloschin (1877 bis 1932) wieder einen der für sie bezeichnenden, literarisch-autobiographischen Bekenntnisbriefe, in dem wir lesen: „Jedes Buch ist ein Diebstahl am eigenen Leben. Je mehr man liest, desto weniger kann und will man selber leben. Das ist doch schrecklich! Bücher sind der Tod. Wer viel gelesen hat, kann nicht glücklich sein. Denn das Glück ist immer unbewußt .. Wie beim Meer: Einsamkeit, Einsamkeit, Einsamkeit. Bücher haben mir mehr gegeben als Menschen ... In Gedanken habe ich alles erlebt, alles aufgenommen. Meine Einbildungskraft eilt immer voraus. Ich öffne Blüten, bevor sie sich entfalten, ich berühre grob das Allerzarteste, und ich tue das unwillkürlich, ich kann es nicht lassen! Heißt das, ich kann nicht glücklich sein? ... Bleibt das Gefühl vollkommener Einsamkeit, vor der es keine Heilung gibt. Der Körper des andern ist eine Mauer, die einen hindert, seine Seele zu sehen.“

Wie will eine gerade in ihrer Scheu so heftige Frau – nein: nicht glücklich sein, nur: leben? Eine Frau, die Liebe weckt, nach Liebe giert und doch Liebe abwehrt? Sie wird sich ganz jung, ganz rasch in eine Ehe zu retten versuchen.

Die gerade Achtzehnjährige besucht den Freund Woloschin in der Datscha seiner Mutter am Schwarzen Meer. Gast ist auch ein siebzehnjähriger Schüler, Sergej Jakowlewitsch Efron, dessen traurige Augen Marina gefallen. Diese beiden Kinder spazieren am Strand, der übersät ist mit kleinen Bergkristallen. Marina, das Verlangen des jungen Mannes spürend, schließt mit sich die Wette ab: „Wenn dieser Junge eine Karneolperle findet und mir schenkt, werde ich ihn heiraten.“ Natürlich, so ist das Leben auch, stößt Sergej beim nächsten Schritt auf einen Karneol und überreicht ihn dem Mädchen, das seine Frau werden will.

Papa Zwetajew in seiner goldbetreßten Dienstuniform tobt. Nun ist er schon Witwer, jetzt auch das noch! Marina schildert den Familienkrach in einem Brief: „,Ich weiß, daß es in unserer Zeit (für euch) nicht üblich ist, auf jemanden zu hören’ (In unserer Zeit! Armer Papa!) ‚Nicht einmal mich hast du um Rat gefragt. Bist gekommen und – ‚Ich heirate!‘ – ‚Papa, aber wie hätte ich dich um Rat fragen sollen? Du hättest mir unweigerlich abgeraten.‘ – ‚Zu deiner Hochzeit werde ich selbstverständlich nicht kommen. Nein, nein, nein.’ Und später: ‚Wann gedenkt ihr euch denn trauen zu lassen? – Ein Gespräch im Geiste aller Zeiten!“ Die Braut jubelt: „Ich bin mit allem zufrieden, der Januar ist der Anfang des neuen Jahres und 1912 die Jahreszahl von Napoleons Moskau-Aufenthalt.“

Zwei Jahre später klingt ein Brief der Mutter einer einjährigen Tochter, Ariadna (Alja), schon anders: „Mein Mann ist zwanzig. Er ist von einer ungewöhnlichen und erhabenen Schönheit, äußerlich und innerlich wunderschön. Sein Urgroßvater väterlicherseits war Rabbiner, sein Großvater mütterlicherseits ein ausgezeichneter Gardist Nikolajs I. In Serjosha sind zwei Blutströme vereinigt, glänzend vereinigt: der jüdische und der russische. Er ist hochbegabt, intelligent, edelmütig. Serjosha liebe ich grenzenlos und für immer.“ Wem muß die junge Ehefrau ewige Liebe beteuern? Sich selber?

Um diese Zeit, der Krieg hat eben begonnen, lernt Marina neben der angebeteten, „erhabenen“‚ auch „inneren“ Schönheit des zarten Sergej eine andere, zerstörerische Art von Liebe kennen – mit Sofja Jakowlewna Parnok, einer Auch-Dichterin und Lyrik-Übersetzerin, damals um die dreißig. Mit einem Mal brennen Marinas Verse in einer anderen Glut: „Uns blüht die Hölle, feurige Schwestern / Der teerige Teufelstrank / Uns, denen aus jeder Ader / Das Loblied Gottes sang. / / Die wir uns weder über Wiege / Noch Spinnrad beugten zur Nacht: / Davongetragen im Boot, im Getümmel / Unterm Saum des Staubumhangs. / / ... Geliebte Mädchen, liebste Schwestern / Uns blüht des Teufels Verlies.“

Die junge Mutter beugt sich nicht mehr über die Wiege der kleinen Alja, sondern reist mit Sofja durch Rußland. Jeden zweiten Tag schickt sie eine Epistel an Sergej, den sie doch „für das Leben liebt“. Ihm untreu zu werden, kann sie sich acht vorstellen in ihrer – wie sie später einmal jubelklagt – „rasenden schöpferischen Einsamkeit“, auch dann nicht, als sie sich, im tschechischen Exil 1923, heftig in einen ehemaligen Studienkollegen ihres Mannes verliebt, in Konstantin Boleslawowitsch Rodsewitsch. Solche vor Glück fiebernden Worte hat Sergej von Marinas Hand nie zu lesen bekommen: „Zum ersten Mal liebe ich einen glücklichen Mann ... Sie haben in mir das Wunder vollbracht: zum ersten Mal spürte ich die Einheit von Himmel und Erde ... Lieber Freund, Sie haben mich dem Leben zurückgegeben ... Mein Harlekin, mein Abenteurer, meine Nacht, mein Glück, meine Leidenschaft. Jetzt gehe ich zu Bett und nehme Dich mit. Zuerst wird es so sein: mein Kopf auf Deiner Schulter ... Deine Lippen auf meinen Lippen, tiefes Haften und Eindringen ... näher, tiefer, wärmer, zärtlicher – und dann die fast unerträgliche Süße, die Du so großartig, so geübt zu verlängern verstehst. Lies und erinnere Dich ... Mein Lieber, ich bin ganz Dein.“

Hier, wie in vielen Briefen, der plötzliche Wechsel vom förmlichen „Sie“ zum vertrauten „Du“. Auch darin drückt sich aus, was Marina Zwetajewa fast stumm klagen läßt: „Ich aber habe meine eigene Tragödie.“ – „Wenn die Menschen, die mich für eine Stunde treffen, über das Ausmaß der Gefühle erschrecken, die sie in mir erwecken, machen sie einen dreifachen Fehler: nicht sie – nicht in mir – nicht Ausmaß. Es ist einfach die Maßlosigkeit, die sich erhebt. Und vielleicht haben sie nur in einem recht: in ihrem Erschrecken.“ Aber stolz kann sie auch verkünden: „Dichter ordnen sich den Bräuchen nicht unter – sie schaffen sie!“

In einem der seltsamsten, bewegendsten Schreiben dieser Briefautorin, der es gelingt, wie den von ihr geliebten deutschen Dichtern Hölderlin und Kleist, Briefe, Tageskorrespondenz zu einem Teil des dichterischen Werks aus eigenem Recht zu machen, tritt sie aus der Herzlichkeit, die das „Du“ unter Eheleuten schafft, zurück in die – schuldbewußte? ehrerbietige? – traditionelle Form des „Sie“ auch unter Liebenden. Sie ahnt, sie weiß, daß Sergej, verletzt durch ihr offen gelebtes Verhältnis mit Sofja Parnok, zum Militär gegangen ist, das ihm an der Front den demütigenden Selbstmord, an den er nach Marinas Affäre mit Rodsewitsch denkt, ersparen könnte. Der zarte Sergej kämpft jetzt und später im Bürgerkrieg an vorderster Front. 1917 erhält er von Marina diese – nur auf den ersten Blick – kühlen Zeilen: „Wenn ich Ihnen schreibe, gibt es Sie, weil ich Ihnen schreibe! ... Entscheidend, entscheidend, entscheidend aber sind – Sie, Sie selbst, Sie mit Ihrem Selbstzerstörungstrieb ... Ich habe Ihren Namen hingeschrieben und kann nicht weiterschreiben.“

In diesem Brief findet sich wie oft im Briefgespräch mit Männern, das sehr russische Bild vom Hund, zu dem sie sich folgsam, demütig verkleinert: „Wenn Gott das Wunder wirkt und Sie am Leben läßt, werde ich Ihnen folgen wie ein Hund.“

Als sie ihrem Mann aus dem Pariser Exil zurück in die Sowjetunion folgt und ihr Archiv ordnet, schreibt sie auf den Rand der Briefkopie: „Und so werde ich denn folgen – wie ein Hund (21 Jahre später), 17. Juni 1938.“

Wie sieht Sergej das Hündchen, das ihm folgen will? Er hat alles Vertrauen verloren: „M. ist ein Mensch der Leidenschaften ... Sich völlig ihrem Orkan hinzugeben – das ist für sie zu einer unbedingten Notwendigkeit geworden ... Wer diesen Orkan entfacht, ist nicht wichtig. Fast immer ... beruht alles auf Selbstbetrug. Sie denkt sich einen Menschen aus, und der Orkan bricht aus. Wenn sie schnell erkennt, wie nichtig und beschränkt der Urheber dieses Orkans ist, gibt M. sich einer orkanhaften Verzweiflung hin. Ein Zustand, der das Auftauchen eines neuen Urhebers begünstigt ... Heute Verzweiflung, morgen Begeisterung, Liebe, völlige Hingabe und einen Tag später wieder Verzweiflung ... M. strebt auf den Tod zu ... Mein Leben ist die reinste Folter. Um mich herum völliges Dunkel ... Es ist eine Art langsamer Selbstmord.“

Wie hat einer der Dichter, der in Marina Zwetajewa verliebt war, sie genannt, nachdem er sich aus dem Zauberbann befreit hat, der ihn zu vernichten drohte: „Nebelverschleierte Nonne.“

Kaum ist Marina Zwetajewa mit dem Sohn Georgij, der aus Verehrung für E.T.A. Hoffmanns Kater Murr „Mur“ gerufen wird, im Sommer 1939 wieder in Moskau, wird Sergej verhaftet und von Stalins Gulag-Knechten erschossen. Auch die Tochter wird verhaftet. Der argwöhnisch bespitzelten Emigrantin droht das gleiche Los. Nur die Sorge um Mur hält die Dichterin noch aufrecht, deren Verse kaum jemand in ihrer Heimat kennt. Als Übersetzerin schlägt sie sich durch, bis sie hinter den Ural abgeschoben wird.

Am 26. August 1941 „bittet“ sie darum „mich als Tellerwäscherin in der zu eröffnenden Kantine des Litfond anzustellen“. Vier Tage später hat sie nur noch Kraft für den Abschiedsbrief an den Sohn: „Murlyga! Verzeih mir, doch weiterzumachen wäre schlimmer. Ich bin schwer krank, das bin nicht mehr ich. Ich liebe Dich wahnsinnig. Versteh, daß ich nicht mehr leben kann. Sag Papa und Alja, wenn Du sie siehst, daß ich sie bis zur letzten Minute geliebt habe, und erklär ihnen, daß ich in eine Sackgasse geraten bin. Mama.“ Mur fiel 1944 an der Front, ehe er Alja hätte treffen können. Sie hat als einzige überlebt.

Zu den Praktiken des totalitären Staates gehört die Vernichtung eines Menschen noch über den Tod hinaus durch Zerstörung von Dokumenten und Lebenszeugnissen. Die Dichterin Marina Zwetajewa ist wiederentdeckt, wenn auch noch zuwenig gelesen, weil in Deutschland ihr Werk auf viele Verlage verstreut ist. Auch einzelne Briefwechsel sind erschienen, nicht aber wie jetzt ein chronologisch geordneter Auswahl-Band „Ein Leben in Briefen“. Hier spricht Marina Zwetajewa selber zu uns, die Frau, die mit stolzer Resignation erkennt: „Denn ich bin nicht fürs Leben gemacht. Bei mir ist alles – Brand.“

Marina Zwetajewa:

Im Feuer geschrieben

Ein Leben in Briefen; herausgegeben und aus dem Russischen von Ilma Rakusa; mit Anmerkungen und einem Personenregister; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1992; 605 S., 58,– DM

Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa:

Wenn jemand uns zusammen träumt,

dann treffen wir uns Ein Gespräch in Briefen; herausgegeben von Konstantin Asadowskij; aus dem Russischen von Angela Martini-Wonde; Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1992; 350 S., 48,– DM