Von Peter Schöttler

Ego-Histoire“ – so lautete der programmatische Titel eines Essaybandes, der vor einigen Jahren in Frankreich erschien. Sieben berühmte Historiker – darunter Georges Duby und Jacques Le Goff – berichteten darin über ihr Leben und ihr Œuvre. Beabsichtigt war eine Geschichtsschreibung „zweiten Grades“, die auf dem Hintergrund der neuen Mentalitätengeschichte und der „Rückkehr zum Subjekt“ den Historiker zum Objekt seiner eigenen Narration machen sollte. Kurzum ein Experiment. Ob dies gelungen ist, wurde vielfach bezweifelt. Die klassischen Muster der Gelehrten-Autobiographie wurden jedenfalls kaum durchbrochen.

Nun legt Georges Duby ein weiteres Mal einen autobiographischen Text vor, ein kleines Buch mit dem schlichten Titel: „L’histoire continue“, was doppeldeutig ist und zu übersetzen wäre mit: Die Geschichte, aber auch die Geschichtsschreibung, geht weiter. Der heute 72jährige Mediävist, Professor am College de France und Mitglied der Académie Française, Verfasser zahlreicher bahnbrechender und erfolgreicher Bücher, Herausgeber mehrerer Reihen und Zeitschriften, schließlich erster Präsident der Fernsehanstalt SEPT (die inzwischen ARTE heißt), könnte in der Tat viel erzählen. Von seiner Pariser Kindheit, seiner Familiengeschichte, seinen Begegnungen mit den Großen dieser Welt, seinen Erfolgen. Aber Duby, der in Frankreich und international ein Star ist, hat keine Memoiren geschrieben. Er erzählt nicht wirklich sein Leben, eher sind es Fragmente einer intellektuellen Autobiographie, Marginalien eines alten Historikers. Fast möchte man sagen: Dies ist – ganz unpathetisch – sein wissenschaftliches Testament.

Duby beginnt nicht etwa mit dem Satz: „Ich wurde am 7. Oktober 1919 geboren.“ Sondern er schreibt: „Die Geschichte, die ich erzählen werde, beginnt im Herbst 1942.“ Seine Geburt, seine Kindheit, seine private Umgebung gehen niemanden etwas an. Statt dessen spricht er von seiner Ausbildung zum Historiker und seinem Beruf. Nüchtern und vertraulich zugleich. Fast die Hälfte des Buches nimmt der Bericht über die Entstehung seiner These de doctorat – also seiner Habilitationsschrift – über die Agrarstrukturen im Bereich des Klosters Cluny im 11. und 12. Jahrhundert ein. Leider ist in der deutschen Ausgabe in diesem Zusammenhang stets von „Doktorarbeit“ die Rede, was das Verständnis erschwert: Denn eine solche französische These (heute ist diese Hürde abgeschafft und durch eine Dissertation nach angelsächsischem Muster ersetzt) war natürlich keine Anfängerarbeit, sondern ein Mammutunternehmen, über dem mancher Kandidat auch gestorben ist.

Duby erzählt, wie er in knapp zehn Jahren diese Pflichtübung absolvierte. Über die äußeren Bedingungen erfahren wir nur wenig. Er schildert weder die schlechten Arbeitsbedingungen noch den Konkurrenzdruck oder das gönnerhafte Verhalten der universitären Mandarine. Denn in diesem Buch werden keine Rechnungen beglichen. Allenfalls in den Schlußkapiteln deutet Duby seinen Ärger über die Feudalstruktur der Universitäten oder die „merowingischen“ Verhältnisse in den Ministerien an und beklagt den Geldmangel im Bildungswesen. Zu seiner Zeit, im Krieg und in den frühen Nachkriegsjahren, war das nackte Überleben und die Freiheit, der eigenen Berufung nachzugehen, Belohnung genug. Geduldig, wie zu einem Enkel gewandt, beschreibt Duby die Entstehung seines ersten Buches: die Wahl des Themas und der Quellen – ein kleiner Auszug aus dem Kartular von Cluny ist abgedruckt –, die Praxis und die Schwierigkeiten einer textkritischen Lektüre, die Ermittlungen im Labyrinth der Archive und Bibliotheken, schließlich sogar die Erwanderung der durch Cluny geprägten Region bei Mäcon. Ohne „Kontakt zum Boden“, zum geohistorischen Raum sei eine sozial- und agrargeschichtliche Studie einfach nicht denkbar. Man möchte diese Seiten jedem angehenden Geschichtsstudenten zur Lektüre empfehlen: Hier berichtet ein großer Historiker aus seiner Werkstatt, beschreibt unprätentiös und lapidar den Alltag seines Berufes.

Der zweite Teil des Buches ist konventioneller. Duby schildert seine Lehrtätigkeit in Aix-en-Provence und anschließend am College de France in Paris. Er beschreibt die großen intellektuellen Anstöße, von denen seine Bücher profitierten: die Sozial- und Mentalitätengeschichte von Lucien Febvre und Marc Bloch vor allem, aber auch die Herausforderungen des Marxismus und die revolutionären Ideen des Strukturalismus in den sechziger Jahren. Bei aller Kontinuität ist Dubys Œuvre nämlich keineswegs frei von aktuellen „Trends“, die er mit großem Geschick in sein eigentliches Projekt, eine Gesamtgeschichte der frühmittelalterlichen Gesellschaft, zu integrieren wußte. Auch ist es nur scheinbar paradox, daß er nach der Habilitation im Grunde kein einziges Buch mehr ohne Auftrag schrieb: Dies gilt für seine gemeinsam mit Robert Mandrou verfaßte „Geschichte der französischen Zivilisation“ und für die großen Bildbände über das „Europa der Kathedralen“ ebenso wie für seine experimentelle Studie über die Schlacht bei Bouvines und deren spätere Mythologisierung im Gedächtnis der Franzosen, schließlich auch für sein (bislang) letztes großes Werk, die Biographie – aber es ist weit mehr als das! – des normannischen Ritters William Marshall.

Am Schluß skizziert Duby noch einige Lebenserfahrungen, einige Arbeitsprojekte, wagt sogar eine knappe Bilanz der durch ihn mitgeprägten „anderen Geschichtsschreibung“. Darauf spielt wohl der Titel der deutschen Ausgabe an. In diesen Notizen ist Wehmut zu spüren, denn die großen Zeiten des Aufbruchs sind vorbei. Nur an einer Stelle blitzt noch einmal die Perspektive eines Umbruchs auf. Überraschenderweise geht es um Deutschland und die allzu „ernsthafte“ deutsche Wissenschaft: Die Erinnerung an „den stummen, verschlossenen Aeropag der hohen Herren von der Universität, die vor sechs oder sieben Jahren meinen Vorträgen lauschten,“ geht Duby nicht mehr aus dem Sinn. „Allerdings habe ich auch die Studenten nicht vergessen, die mich am Ausgang erwarteten, um mir zu versichern: ‚So sind sie nun einmal – aber keine Sorge, mit uns wird sich alles ändern.‘ In der Tat, alles ändert sich, und zwar sehr schnell. Wenn die französischen Studenten erst einmal anfangen zu reisen, wenn sie sehen, unter welchen Bedingungen ihre deutschen Kommilitonen arbeiten, werden sie die Zwänge, die man ihnen auferlegt, kaum noch akzeptieren und sich endlich richtig und mit Recht dagegen auflehnen.“ Eine europäische Studentenrevolte am Horizont?