Von Erich Hackl

Der Begriff des „Spannenden“ war für Thomas Mann mit dem des Erzählens eng verbunden. „Mit Recht: erzählen heißt spannen, und des Erzählers Kunst ist, zu unterhalten noch mit dem, was eigentlich langweilig sein müßte, zu spannen selbst mit dem der Sache nach Altvertrauten, dessen Verlauf und Ausgang jeder schon kennt.“

Anderer Art ist die Spannung, die der junge Österreicher Robert Schneider (Jahrgang 1961) erzeugt. Er spannt uns mit den ersten Sätzen seines Romans auf die Folter – und bringt es fertig, daß wir ihm dafür danken: „Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen. Denn er war in unsägliche und darum unglückliche Liebe zu seiner Cousine Elsbeth entbrannt und seit jener Zeit nicht länger willens, auch nur einen Augenblick lang zu ruhen, bis daß er das Geheimnis der Unmöglichkeit seines Liebens zugrunde geforscht hätte.“

Schneider weitet seinen Lebensbericht über ein musikalisches Originalgenie gleich zu Beginn auf die Geschichte eines Vorarlberger Bergdorfes aus, das 1912, ein gutes Jahrhundert nach Elias Alders Geburt und nach dem Hungertod des letzten Bewohners, von der Natur ausgelöscht wird. Allein schon die Chronik des Dorfes Eschberg und der Geschlechter Lamparter und Alder, die es bevölkern, gerät dem Autor zum Epos einer grenzenlos engen Welt, in der wir uns selbst in Großmut und Niedertracht, bescheidenen Hoffnungen und ungeheuren Katastrophen, hochfliegenden Träumen und kleinlichen Gelüsten wiedererkennen.

Johannes Elias Alder, unehelicher Sohn der Bäuerin Seffin Alder und des hochwürdigen Kuraten Elias Benzer, erweist sich von Geburt an als eigentümliches Wesen: Zu atmen beliebt er erst, als die Hebamme das Tedeum zu singen anfängt, den ersten Schrei stößt er aus, als die Orgel den Taufchoral intoniert, und nachts erwacht der Säugling vom sirrenden Klang der Schneeflocken. Das eigentliche Wunder aber begibt sich, als das Kind fünf Jahre alt ist: In einer Art musikalischer Initiation, bei der sein Körper schreckliche Mutationen durchmacht, teilt sich ihm die Fülle des Universums in Klängen und Tönen mit, im Summen des Bluts, im Dröhnen von Gedanken, im Singen verdampfender Schweißtropfen, im Wehklagen sterbender Wale, im Schall des Lichts. Nach diesem Erlebnis ist Elias wie verwandelt. Er beginnt frühzeitig zu pubertieren, seine gläserne Stimme entwickelt sich zum volltönigen Baß, seine Augen werden „gelb wie Kuhseiche“. Und vor allem: Elias hat, im Augenblick seiner musikalischen Welterfahrung, unter Millionen anderen deutlich die Herzschläge einer Neugeborenen wahrgenommen, der er sofort in heftigster Liebe zugetan ist. Es sind die Herzschläge seiner Cousine Elsbeth Alder.

Das fremde Aussehen macht Elias zum Außenseiter im Dorf, das sich ohnehin nur durch Eigennutz, Neid und Spott zur Gemeinschaft fügt. Der einzige, der sein Genie erkennt, ist sein Cousin Peter, Elsbeths Bruder: „Er ahnte, daß dem Elias Großartiges gegeben war. Und weil er diese Ahnung sein Lebtag nicht mehr loswerden konnte, trachtete er, den Elias niederzuhalten.“ Peter ist davon besessen, im Leid der andern die Wahrheit der Welt zu erkunden. Als ihm sein Vater aus nichtigem Anlaß den Arm bricht, zündet er in der Christnacht den Heustock an. Seinen Schmerz stillt er, indem er anderen Schmerz zufügt: „Warum soll er das Weh alleine tragen? Und er nimmt den Mauerbrocken, greift nach der Pfote und zerbricht der schnurrenden Katze das Bein.“

Peters Verhalten ist nicht untypisch für das Eschberger Dorfleben. Aufgestauter Haß ergießt sich über Unschuldige. Unbegreifliches wird als Gefahr bekämpft. Im Andersartigen wittert man blanken Hohn. Als durch Peters Racheakt das halbe Dorf ein Raub der Flammen wird (und Elias wie in Trance die kleine Elsbeth vor dem Feuer rettet), verbrennen die Eschberger den Schnitzer Meistenteils bei lebendigem Leib: Er sei schuld, denn er habe die Mühen des Bergbauerndaseins nie geteilt, habe nach Lust und Laune gelebt und geschaffen, keck sein Spazierstöckchen geschwenkt, während sich die Bauern auf dem Feld abrackerten.