Während Asterix und Obelix das Land der Goten besuchten (der Ostgoten? der Westgoten? egal!), brachen dort bekanntlich die Asterixinischen Kriege aus. Wir erinnern uns: Gerade hatte Holperik Cholerik besiegt, als Lyrik ihn hinterrücks – zack! – niederschlug und sich sofort zum höchsten Chef aller Goten ernannte – unter allgemeinem Gelächter der anderen höchsten Chefs. Der weitere Verlauf der Schlacht (Elektrik schlägt Mickerik und ernennt sich unter allgemeinem Gelächter zum höchsten Chef aller Goten, während Cholerik von Holperik – und zack! – eins über den Schädel bekommt) kann in den einschlägigen Geschichtsbüchern nachgelesen werden („Asterix und die Goten“, Stuttgart 1973).

Die Geschichte, Freud wußte es, wiederholt sich. Eben ist der Große Deutsche Feuilletonkrieg ausgebrochen. Gerade noch hat Lothar Baier (in der taz vom 22. August) die blutsaugerische Fähigkeit der Intellektuellen kritisiert, mit jeder neuen Debatte ihren eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern – da bekommt er von Frank Schirrmacher – und zack! – eins auf den Schädel (in der FAZ vom 5. September). Und zwar – rätselhaft geschickter Schachzug – nicht etwa, weil er unrecht, sondern weil er recht habe und bloß in der Vergangenheit auf dem wirklichkeitsfernen „Zauberberg“ der deutschen Linksintellektuellen ansässig gewesen sei. Rechthaben genügt nicht, sprach Schirrmacherik, es kommt darauf an, wo! Und ernannte sich sofort zum höchsten Chef der Debatte.

Nachdem Ulrich Greiner (in der ZEIT vom 18. September) dargelegt hatte, warum die Linke zwar an ihrem Selbstmitleid erstickt, Schirrmacher aber trotzdem im Unrecht ist, trat am 23. September in der Frankfurter Rundschau Thomas Assheuer auf und erklärte, daß Greiner zwar recht habe, aber irgendwie auf blöde Weise, während Schirrmacher eindeutig unrecht habe, obwohl manches stimme, was er sage. Und erklärte sich sofort zum höchsten Chef der Debatte – unter dem Gelächter der übrigen höchsten Chefs.

Worum geht es eigentlich? Um die Kritikfähigkeit der Intellektuellen (besonders der Linken); um ihre (angebliche) Unfähigkeit, auf das brutalrassistische Gesicht des neuen Deutschlands oder den ethnischen Säuberungskrieg im ehemaligen Jugoslawien angemessen zu reagieren. In der FAZ vom 26. September hat sich Mark Siemons zu Wort gemeldet und zusammengefaßt, was alle anderen vor ihm auch, irgendwie aber doch auch nicht, sagen wollten. Siemons spricht von einer „kostenlosen Sensibilität“ der alten Bundesrepublik, die vor dem „Realitätsschock“ der Mordanschläge auf Flüchtlinge und Asylanten versagt: Das „Schicksal des deutschen intellektuellen Systems“ sei „seine Selbstreferentialität“. Kurz: Man habe sich bisher lieber höchsensibel mit sich selbst beschäftigt – und das habe, solange die Fronten noch klar verliefen und die Neofaschisten von nebenan noch still gewesen sind, auch herrlich funktioniert. Und funktioniert nicht mehr.

Sofort gab es für Siemons eins über die Rübe – von Elke Schmitter diesmal (in der taz vom 28. September). Ob Siemons recht oder unrecht hat, läßt sie im dunkeln, findet aber, daß das „Frakturfeuilleton“ der FAZ sowieso so verdorben sei, daß sich dort jedes Wort von selbst in bitteres Unrecht verwandele. Recht könne man eigentlich nur in der taz haben, wo deshalb zu Siemons Thema demnächst eine Serie erscheine. Und zack!

Nichts ist mehr, wie es war – aber die alten Stellungen müssen um jeden Preis gehalten werden! Im Schützengraben findet man plötzlich den Gegner von einst neben sich – und schlägt ihm rein gewohnheitsmäßig von hinten den Schädel ein, um dann mit flatternden Flügeln irgendeinen neuen Standpunkt zu beziehen. Oben auf der Erde fliegen inzwischen die Molotowcocktails. Da oben sieht es nicht mehr nett aus. Da heißt es – und zack! – Kopf einziehen, unten bleiben. Die Debattenkultur im Schützengraben lebe hoch! Es ist die Eitelkeit, die sie dort unten hält.

Robin Detje