Von Jutta Duhm-Heitzmann

Um es gleich am Anfang zu beichten: Ich war nicht am Ätna – aber die Verführung dazu war groß. Jeden Morgen trat ich auf den Balkon meines Hotelzimmers und hatte ihn vor Augen – schneegipflig, manchmal die Spitze in Wolken vergraben, manchmal mit einer dünnen scharfen Säule aus Rauch den blauen Himmel kitzelnd, und immer von einer unverschämten, trügerischen Perfektheit. Mitreisende mieteten Taxis und fuhren hin, so weit es eben ging (die Besteigung des Kraters selbst ist auch in ruhigen Zeiten verboten – geschweige denn, wenn er wie ein schönes Raubtier wieder einmal seine Unbezähmbarkeit hinausgrollt). Andere nahmen den Bus, bis hin zu einer Station an seiner Flanke, wo Führer auf die Touristen warteten und zu dem Punkt brachten, wo Absperrungen die beginnende Gefahr signalisierten! Dritte zeigten sich entschlossen, zumindest mit der Bahn, der circumetnea, diesen zu den schönsten der Welt zählenden Vulkan gemächlich zu umfahren. Und alle sprachen sie von Dante und Inferno, von heißer Lava unter den Sohlen und dem alles überlagernden Schwefelgestank. Davon, wie unheimlich dieser Berg sei, unter dessen dünner Kruste man es förmlich atmen und arbeiten spüre, gänsehautfördernd.

Doch ich blieb ihm fern, ich lebte einer anderen Liebe. Mich zog es, wann immer das Programm es zuließ, zum schönsten aller Plätze des Städtchens Taormina – zum Teatro Greco, dem alten griechischen Amphitheater: ein vollkommener, nach vorne offener Kreis aus ansteigenden Sitzen, zum Teil mit Gras überwachsen, die Bühne eine Ruine aus zerborstenen und gefallenen Säulen vor gestürzten Mauern und mühsam gestützten Bögen. In der Mitte ist diese Bühne völlig eingebrochen, aber dadurch gibt sie den Blick frei für ein Panorama, so weit und grandios wie die gemalten Prospekte einer idealen Landschaft im Barocktheater: blau die Wasser der Bucht von Giardini Naxos mit ihrem weit schwingenden Ufer, am Abend lichterübersät, dahinter sacht ansteigende Hügel und über allem, ganz nah und doch fern, wieder dieser königliche Vulkan, Seine Majestät, der Ätna, mit seiner Krone aus Schnee. Ein Ort von einer solchen theatralischen Kraft, daß er schon unbespielt, am hellen Tag, eine vollständige Inszenierung ist – um so mehr noch am Abend, wenn die bunten weiten Gewänder der Sänger und Spieler in der lauen Nachtluft sich bauschen und wehen, wenn Gesang und Musik aufsteigen zu einem von Myriaden von Sternen überflimmerten nachtdunklen Himmel.

Ein Pfund, mit dem Taormina wuchert. Das Städtchen lockt im Sommer mit dem Festival „Taormina Arte“ in seine Mauern: ins Theater, zu Konzerten und Opern.

Doch nicht nur der Kunst wegen ist dieses gerade mal aus 10 000 Einwohnern bestehende Städtchen am Ostufer der Insel seit seiner Gründung im Jahre 358 vor Christus einer der wichtigsten und seit seiner Entdeckung durch den modernen Tourismus einer der beliebtesten Orte auf Sizilien. Früher war er bedeutend durch seine Lage: gebaut auf einem zum Golf von Catania hin steil abfallenden Felsen, gut zu verteidigen und mit einem weiten, schutzbietenden Rundblick über Meer und Land.

Heute schützt diese Lage Taormina vor der alles zerfressenden Zersiedlung: Der Platz ist begrenzt, dadurch bleibt der alte Stadtkern erhalten – und der ist einer der schönsten auf Sizilien: nicht groß, aber mit winkligen Gassen und steil ansteigenden Treppen, auf deren Mauern es aus den blütenübersäten Gärten bunt hinüberrankt, eine Farborgie in Grün und Weiß und allen Tönen von Rosa und Rot. Dazwischen schimmern die bräunlich-ockerfarbenen Wände der Häuser, mit ihrem ständigen Spiel von Schatten und Licht, unterbrochen nur durch die herberen, steingrauen alten Gemäuer der Gebäude, die noch aus den Zeiten der Normannen stammen. Ein Anblick, der zum Flanieren verlockt wie kaum in einem anderen Ort.

Ein Tag auf dem Corso