Nicht von irgendeinem beliebigen Wackelpeter ist hier die Rede, sondern von einem ganz spezifischen Pudding namens Albert. Ursprünglich stammt er aus dem fernen Australien und ist seiner tiefsten Natur nach wohl ein „Napfkuchen“ gewesen, wie das deutsche Wort heißt, mit dem wahrscheinlich neunzig Prozent der Zeitgenossen nichts mehr anzufangen wissen und dito neun der zehn Wörterbücher, die man zu Rate zieht. Kein Wunder, die Geschichte stammt aus dem Jahre 1918.

Es würde uns also gar nichts nützen, wenn wir Albert einen „Napfke“ nennen wollten. Er bleibt schlicht ein Pudding. Einer, der, je nach Bedarf, mal nach Rhabarbergrütze, mal nach Karamel und dann wieder nach Grieß mit Rosinen und Himbeersoße schmeckt. Denn Albert ist ein Zauberpudding, erfunden von einem gefräßigen Koch in einer stillen Polarnacht; man braucht nur zweimal zu pfeifen und an seiner Schüssel zu drehen, um eine völlige Geschmacksveränderung zu bewirken.

Was auch gut ist: Denn Alberts Temperament reicht von grieß bis grämig, und es tut bisweilen not, seine Schokoladenseiten mit Gewalt herbeizupfeifen. Die Abenteuer dieses bizarren Protagonisten mit den spindeldürren Gliedmaßen, dessen Hauptvergnügen darin besteht, sich von seinen Besitzern – einem stummelfüßigen Pinguin, einem bärtigen Matrosen und einem dandyhaft gekleideten Koalabären mit Strohhut und Spazierstock – ständig verspeisen zu lassen, bilden den Inhalt des wunderbar absurden Buches von Norman Lindsay – „Der Zauberpudding“.

Lindsays Kindergeschichte hat seit ihrem Erscheinen am Ende des Ersten Weltkriegs allein in Australien über 36 Auflagen erlebt und gilt in der englischsprachigen Welt als Kinderbuchklassiker, vergleichbar Lewis Carrolls „Alice“. Warum also, so fragte ich eher rhetorisch vor Jahresfrist in einem Artikel der ZEIT, ist dieses Buch noch nie auf deutsch erschienen? „Why not, indeed?“ echote ein anglophiler Mensch namens Olaf Hille im Norden Deutschlands und gründete prompt einen eigenen Verlag, um sogleich diese Geschichte einem hiesigen Publikum nahezubringen. Ein zauberhafter Touch, wie es einem Zauberpudding durchaus gebührt.

Nun liegt das Buch bereits in einer zauberhaft flinken Übersetzung von Christiane und Carsten Jung vor, und es hieße des Rezensierens zuviel tun, wollte man gleich damit beginnen, an ihr herumzunörgeln. Auch die kleine „Alice“ ist bei uns erst in einem langsamen Annäherungsprozeß eingebürgert worden. Nicht, daß Mängel zu entdecken wären – wie etwa, wenn Alice im Englischen an einer „river bank“ sitzt und ihr im Deutschen eine „Bank am Fluß“ unter den Po gejubelt wird –, vielmehr hyperkorrekt ist diese Übersetzung ausgefallen, und man wünschte sich eher einen legereren, etwas weniger ehrfurchtsvollen Umgang mit dem Original. Etwas mehr Kästner im Ton, besonders bei den Gedichten, die der Geschichte recht eigentlich ihren überdrehten Schwung verleihen, hätte hier sicher gutgetan.

Die Zeichnungen des politischen Karikaturisten Lindsay – in dessen Ahnengalerie man mühelos Toulouse-Lautrec, Arthur Rackham, John Tenniel und, ja, auch Wilhelm Busch ausmachen kann – bestechen durch ihre leichte Strichführung und den untrüglichen Blick für Slapstick-Situationen. Im Original sind diese Illustrationen unterteilt: in die gestochen scharf konturierten Tuscharbeiten in Schwarzweiß und die eher weichzeichnerisch gehaltenen bunten Pastellbilder. Aus Kostengründen werden diese heute in den meisten Ausgaben – so auch hier – schwarzweiß eingeebnet, was zwar den bibliophilen Sammler stören mag, den Kindern aber die Angst nimmt und damit die Distanz: Sie können sich das Buch ohne Risiko eines elterlichen Donnerwetters mit Buntstiften zu eigen machen.

Als Norman Lindsay 1969 im Alter von neunzig Jahren starb, hatte er die Genugtuung, den weltweiten Erfolg seines Buches noch mitzuerleben. Jetzt hat „Der Zauberpudding“ auch den Rest der Welt erreicht. Tom Appleton