Von Martin Ahrends

Am Ende des Romans wird Esau Matt schwer fieberkrank. Er fiebert sich fort aus seinem Heimatort und weiß, als er wieder zu sich kommt, daß er nicht zurückkehren kann. Ein zweites Mal muß er sein Dorf verlassen, in das er nach Kriegsende zurückgekrochen war für zwei Jahre. Er ist schon dreißig, und dies Zurückkriechen kam ihn schwer an. Was ihm selbstverständlich war, ist ihm fragwürdig geworden. Und: „Hier in Bossdom kannte jeder den schößerigen Schuljungen Esau Matt und seine Ängste, kannte jeder den Schlappschwanz, der nicht an einem Tau in die Kronen der Eichen kriechen konnte. Hier quittierte jeder meine Behauptung, ich wäre draußen in der Welt zum Schriftsteller gereift, mit einem nachsichtigen Lächeln.“

Der dritte Band des autobiographischen Romans Erwin Strittmatters erzählt die Familien- und Dorfgeschichten weiter. Nun aus der Perspektive des Kriegsheimkehrers, der in den Zeiten des Umbruchs die innere Struktur des Bodens untersucht, auf dem er aufwuchs. Bald merkt er, wie rasch eine Normalität „wiederkehrt“, die doch eine ganz andere ist. Als Volksbefrager im Auftrag der neuen Administration hat Esau Matt Gelegenheit, die Dorfbewohner, die ihm ja vertraut sind, noch einmal in der Großaufnahme kennenzulernen.

Das Buch bündelt so deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichten. Es ist die Dorfchronik eines großen Epikers, der in einem abgelegenen, halbsorbischen Winkel die Welt spiegelt. Bossdom – ein Kosmos; was Menschen irgend geschehen kann, geschieht ihnen hier; wie Menschen sein können, so sind diese Dörfler. Schlicht und züchtig ist hier nur die Oberfläche, darunter ist das Leben, von dem man satt wird und das man satt kriegen kann: weil ihm nicht zu entrinnen ist. Der tageslangen Arbeit kann man nicht entrinnen und nicht der scharfen Beobachtung der Anderen, der Nähe nicht und nicht der Zuneigung und Begehrlichkeit der Nächsten. Jede Kleinigkeit und jede Katastrophe wird im Dorf registriert und in der Erinnerung bewahrt. In der Stunde Null nach Kriegsende veranstalten die Dörfler eine Neuaufteilung allen verbliebenen Besitzes, alles, was sie noch haben, kommt auf einen großen Haufen und wird nach Bedarf vergeben. Es ist wie ein Ritual, alle Dinge werden von ihrer alten Zugehörigkeit befreit, nichts gilt mehr, was galt, nichts gehört mehr dazu, nichts hat mehr seinen alten Wert. Was man nach dem Zusammenbruch noch hat, das sind ein paar nützliche Gebrauchsgegenstände.

Das Buch ahmt den epischen Wellenschlag des Dorflebens nach, alles kommt darin vor, scheinbar ungeordnet. Es herrscht die Dramaturgie des Zufälligen, das akkumuliert wird und immer wieder in unerwartete Ereignisse umschlägt oder auch in Durchblicke und Einsichten des Autors. Die sind erträglich, wenn sie sich nicht zu hoch aufschwingen. Das Buch will nirgendwo hinaus, sondern es geht mählich auf wie der Teig in der Backmulde. Ein zäher Lesestoff, zäh wie der Lebensstoff, der dahintersteht; dann wird es plötzlich wunderbar poetisch und leicht, und eines ginge nicht ohne das andere. Die Geschichten der Dörfler, die für sich genommen einen Roman hergäben, leuchten auf und tauchen wieder ab, wie sie der Fluß nach oben spült, der das Dorf ist.

Hier behält das gewachsene Dasein allemal die Oberhand vor den menschlichen Versuchen, es insgesamt zu bessern. Die Wunden, die der „Triumph des Willens“ schlug, können vernarben, wo die Jahreszeiten bedeutsamer sind als die große Politik; nur Onkel Ernste grüßt noch mit dem Arm schrägoben, „und da er ein Sorbe ist und das H im Anlaut deutscher Worte nicht bewältigt, grüßt er: Eil Itler! Er ist froh, daß er endlich nicht mehr vergißt, wie sich die Deutschen neumodisch grüßen.“ Onkel Ernste, der zu spät dran ist mit seinem deutschen Gruß, wird festgenommen und verhört und stirbt schließlich vor Scham, „daß er ins Loch hat gemußt“.

Was auf den ersten Blick als „Heimatliteratur“ erscheinen könnte, erweist sich aber schon beim zweiten Hinsehen als eine viel weniger verklärende als peinlich genaue Schilderung: Das Peinigende des engen Zusammenlebens ist eingewoben in ein großes Sittengmälde – mit Figuren, so charakteristisch, so unberührt von den egalisierenden Wirkungen der Moderne, als wären sie geradewegs dem Mittelalter entsprungen.