Von Norbert Kostede

Frankfurt am Main

Wie kann man Sprecher der Juden in Deutschland sein, wenn – wie ein Sprichwort sagt – auf einen Juden drei Meinungen kommen? „Was, so wenig?“ setzt Ignatz Bubis auf den Scherz noch einen drauf. Und dann lacht er fast lauter als das Telephon, das neben ihm schellt: „Ja bitte?“ Zwei Dutzend Anrufer am Nachmittag: Absprachen mit Außenminister Kinkel und Joschka Fischer von den Grünen, kurze Rundfunkinterviews zum Brandanschlag im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, Geschäftspartner und Freunde der Familie gratulieren zum Rosh-Hashana, dem jüdischen Neujahrsfest.

Der 65jährige Immobilienkaufmann aus dem Frankfurter Westend, vor einigen Tagen zum Vorsitzenden des Zentralrats der Juden gewählt, hätte alle Talente zum Medienliebling – Witz, Lebensfreude, Herzlichkeit. Wäre da nicht die deutsche Geschichte und Gegenwart, die er tagaus tagein zu kommentieren hat und über die es nichts zu lachen gibt. Was sagt der Sprecher der Juden zu Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im wiedervereinigten Deutschland? Wird der Brand, dessen Spur sich von Rostock nach Sachsenhausen zieht, eines Tages die ganze Republik in Flammen setzen?

Ohne Mut im Alltag

Wenn Ignatz Bubis in die Zukunft schaut, bereiten ihm weniger die Skinheads und rechten Fanatiker Sorgen als vielmehr die Protestwähler und die schweigende Mehrheit. „Nicht die Gewalt der Neonazis ist das Entscheidende; gegen Brandstifter und Terroristen müßte der Staat nur endlich mit der gleichen Härte durchgreifen wie damals, als er sich selber gegen die Rote Armee Fraktion verteidigte – die Menschenrechte und das Leben der Ausländer heute sind nicht weniger wert.“ Darüber, was aus der Bundesrepublik werde, entscheide eher, ob aus der großen Zahl der Protestwähler demnächst rechte Stammwähler würden: „Ich glaube allmählich, daß Denkzettelwähler auch tatsächlich so denken, wie sie abstimmen.“

Am wichtigsten ist für Bubis die Reaktion der Mehrheit, die Gewalt und Ausländerhaß zwar ablehne, aber deren Passivität und Gleichgültigkeit erst den Rahmen abgebe, in dem Gewalttäter und ihre Claqueure die öffentliche Meinung immer stärker prägen konnten. Als „Tagesthemen“-Chef Wickert ihn am vergangenen Samstag auf das Vorbild Frankreich ansprach – nach antisemitischen Ausschreitungen demonstrierten insgesamt eine Million Franzosen mit Staatspräsident Mitterrand an der Spitze –, antwortete Bubis, er könne sich zwar den Bundespräsidenten, aber nicht eine Million Deutsche auf der Straße vorstellen. „Wer ohne Mut im Alltag und ohne öffentlichen Protest sich allein auf die Politiker verläßt, trägt mehr, als er ahnt, dazu bei, wenn dieses Land wieder nach rechts kippt.“