Und die Politiker? Wenn zur selben Zeit, da Neonazis vor Ausländerheimen randalieren, die Bonner Parteien lautstark darüber streiten, wie der Asylartikel des Grundgesetzes abgeschafft oder eingeschränkt werden kann, kommen Bubis Zweifel an der Rationalität der politischen Klasse in Deutschland. „Es ist, als würde man die Leute ermuntern, mehr Brandsätze zu werfen: Täglich können sie ihre Erfolge an immer verrückteren Vorschlägen zur Asylpolitik ablesen.“

Dabei verteidigt Bubis keineswegs den unkontrollierten Zustrom von Ausländern, der in diesem Jahr auf 400 000 geschätzt wird: „Natürlich müssen es weniger werden!“ Dem aktiven Mitglied der Frankfurter FDP fallen schnell die notwendigen Programmsätze ein: Wer nicht aus politischen, religiösen oder rassischen Gründen verfolgt werde, müsse nach einem „gerechten Verfahren“ und „zügig“ zurückgeschickt werden; Kriegsflüchtlinge brauchten jedoch unseren Schutz; die Zahl der Ausländer, die in Deutschland Arbeit sucht, müsse sich nach wirtschaftlichen und sozialen Integrationsmöglichkeiten richten.

„Aber wer den Zustrom bremsen will, braucht nicht das Schmuckstück aus unserer Verfassung brechen: das individuelle Asylrecht.“ Wenn sich die FDP daran beteiligen sollte, will Bubis aus seiner Partei austreten. „Übrigens auch dann, wenn Möllemann Parteivorsitzender werden sollte – mit dem kann ich mich überhaupt nicht identifizieren.“ Nach kurzer Unterbrechung durch einen erneuten Anruf blinzelt er allerdings zum Besucher und verbessert sich: „Zumindest würde ich alle Aktivitäten einstellen – ich bin kein Freund übereilter Entscheidungen.“

Mit Ignatz Bubis steht ein Mann an der Spitze der 40 000 Juden in Deutschland, dem die Nazivergangenheit noch Gegenwart ist. 1927 in Breslau geboren, kommt er Anfang 1941 ins Ghetto Deblin an der Weichsel.-Sein Vater und zwei Geschwister werden von den Deutschen umgebracht. „Daß ich noch lebe, ist nur Zufall“, vermerkt Bu- bis trocken: Von Juni 1944 bis Januar 1945 schuftet der junge Ignatz als Transportarbeiter im Arbeitslager Tschenstochau; als er seine Stellung mit einem Munitionsarbeiter tauscht – ein halbes Brot springt dabei heraus –, werden kurz darauf die Transportarbeiter ins KZ verschleppt und ermordet.

Nach Kriegsende, mit achtzehn Jahren, verdient Bubis sein erstes Geld im Tauschhandel zwischen Besatzungsmächten und hungernden Dresdnern: Lebensmittel gegen Schmuck und andere Wertsachen. 1949 verschlägt es ihn nach Stuttgart und Pforzheim, wo er sich mit sechs Partnern auf den Handel mit Juwelen und Edelmetallen spezialisiert. „Ich habe keinem deutschen Mann ins Gesicht schauen können, ohne darin den Mörder meines Vaters zu suchen“; Anfang der fünfziger Jahre reist Bubis nach Israel und Amerika. Was jedoch keiner seiner Bekannten im Ausland begreifen kann, wird 1953, nach der Heirat mit einer französischen Jüdin, zur Gewißheit: „Ich fühlte mich in Deutschland zu Hause.“

Ende der sechziger Jahre steigt Ignatz Bubis dann zu bundesweiter Prominenz auf. Ehrgeizige Kommunalpolitiker planen im Frankfurter Westend neue Hochhäuser, Banken vergeben großzügige Kredite, Spekulanten erwerben alte Häuser und Grundstücke, damit Abrißunternehmer den nötigen Freiraum schaffen können. Joschka Fischer, damals Wortführer im „revolutionären Kampf“, protestiert mit Hunderten von Studenten an der Ecke Schumannstraße/Bockenheimer Landstraße. Der Wohnblock gehörte Bubis. Häuser werden besetzt, einige vor dem Abriß bewahrt – auch seine heutige Geschäftszentrale.

1985 steht er als Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt wieder im Rampenlicht. Rainer Werner Fassbinders Theaterstück über Frankfurts Spekulanten-Geschichte soll aufgeführt werden, vom Autor mit antisemitischen Phrasen gespickt: „Er saugt uns aus, der Jud ... Wär’ er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnt’ heut’ besser schlafen.“ Diesmal ist Ignatz Bubis der Besetzen Mit anderen besteigt er die Bühne und verhindert die Aufführung, weil er mit Deutschen nicht über Gas diskutieren möchte.