Von Robert Leicht

Deutschland von außen betrachtet, Deutschland von innen inspiziert: Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung zeigt sich ein düsteres Bild.

Die Hoffnung war groß, das zum zweiten Mal geeinte Land werde – anders als in der Vergangenheit – im Verhältnis zu seiner Geschichte und zu seinen Nachbarn endlich jenes Fingerspitzengefühl zeigen, ohne das sich in dieser schwierigen Mittellage auf Dauer keine glückliche Politik betreiben läßt. Doch was ist aus diesem frommen Wunsch geworden?

Nicht minder groß war der Glaube im Inneren, staatliche Einigung plus Marktwirtschaft ergäbenohne weiteres glückliche Bürger in allen Teilen der Republik. Doch dieser Irrglaube konnte keine Berge versetzen – er riß nur tiefe Gräben auf: zwischen Ost und West und innerhalb der beiden Gesellschaften Deutschlands. Jetzt schlägt die Illusion immer deutlicher um in Verbitterung, die ursprüngliche Freude in Entfremdung zwischen den Landsleuten und in Aggression gegen die Fremden.

Die Mauern in Deutschland und um Deutschland herum beginnen zu wachsen. Von der „Politik des guten Vorbilds“, die der damalige Außenminister Genscher im Herbst 1990 den Vereinten Nationen hochgemut verheißen hatte, sollten wir jedenfalls für eine ganze Weile nicht mehr sprechen.

Was ist schon von unserer Friedensfähigkeit zu halten, wenn es uns Nacht um Nacht wieder nicht gelingt, der ausufernden Gewalt gegen Asylbewerber und gegen Polizisten Herr zu werden? Viel zu spät, erst nach dem Brandanschlag auf die „Judenbaracke“ im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, raffen sich die Politiker, entsetzt vor allem über die Reaktionen im Ausland, beflissen zu symbolischen Gesten auf. Wer legt sich schon für das nackte Leben von Zigeunern ins Zeug?

An hilfreichen Deutungsmustern für die ausländerfeindliche Gewaltwelle fehlt es nicht, auch nicht an relativierenden Vergleichen mit den Nachbarstaaten. Nur eines läßt sich eben nicht erklären: die Gelassenheit, mit der Politiker und Bürger diesen nahezu kompletten meltdown, dieses Durchbrennen der inneren Sicherheit hinnehmen. Muß sich der Rechtsterrorismus erst gegen einen Prominenten richten, bevor dieser Staat zeigt, zu welch entschiedenem Handeln seine Krisenstäbe fähig sind?