Von Thomas Anz

Kafka gehört zu den Ausnahmen. Sonst scheint ein literarisches Gesetz zu gelten, das da lautet: Erst wenn der Vater tot ist, können Schriftsteller über ihn erzählen. 1959 starben Vater und Mutter von Peter Weiss; zwei Jahre später erschien seine autobiographische Erzählung „Abschied von den Eltern“. Der völkisch-nationale Schriftsteller Will Vesper starb 1962; sieben Jahre später begann sein Sohn Bernward, in dem Romanessay „Die Reise“ mit der deformierenden Autorität seines Vaters abzurechnen.

Mit Vespers Buch sei, notiert Peter Weiss 1977, als es posthum erschienen war, „der intellektuelle Höhepunkt der Bewegung des Jahrs 68 erreicht worden“. Es war jedoch vor allem eine Analyse ihres Scheiterns. Den Bequemlichkeiten einer meist bloß theoretischen Kritik an der Nazi-Vergangenheit der Eltern setzte es die Höllenfahrt einer gleichsam psychoanalytischen Selbsterkenntnis über die Autoritätsfixierungen der eigenen Generation entgegen. „Die Reise“ bildete den spektakulären Beginn jener neusubjektiven, autobiographischen „Väterliteratur“, die um 1980 zur literarischen Modeerscheinung wurde. In diesem Jahr erschienen Peter Härtlings „Nachgetragene Liebe“ und Christoph Meckels „Suchbild“, und Ludwig Hang begann, unmittelbar nach dem Tod seines Vaters, mit der Arbeit an dem Roman „Ordnung ist das ganze Leben“.

Wie ein nachgetragenes Exemplar jener Väterliteratur nimmt sich jetzt Hanns-Josef Ortheils „Abschied von den Kriegsteilnehmern“ aus. Er habe seinen Vater als lebenden Zeitzeugen und als Relikt einer mörderischen Vergangenheit gehaßt, bekennt hier der Sohn nach dessen Tod. „Denn ich hatte mir meinen Vater als tapferen Menschen und, wenn es die Judenverfolgung betraf, sogar als Helden vorstellen wollen.“ Der Vater aber habe sich damals um das Schicksal der Juden nicht gekümmert, sein Wissen über Auschwitz später geleugnet, auf Fragen des Sohnes ausweichend geantwortet und sich selbst als Opfer des Krieges begriffen.

Die Anklagen des Sohnes gehören in Ortheils Roman indessen selbst schon der Vergangenheit an. Über das familiäre „Gerichtsverfahren“ zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration wird mit Distanz und im Plusquamperfekt erzählt. Weit stärker als der Haß gegenüber dem Vater wiegt hier die Liebe. Die Tendenz zur versöhnlichen Fortschreibung der noch bei Christoph Meckel unerbittlich aggressiven Väterliteratur, die schon in Ludwig Harigs Roman von 1986 nachgerade verklärende Formen annahm, macht sich auch bei Ortheil bemerkbar. Der Roman knüpft an seine autobiographische Erzählung „Hecke“ von 1983 an: Dort rekonstruiert der Sohn die Lebensgeschichte seiner Mutter; der Vater spielt nur eine Nebenrolle. Doch immerhin erfahren wir, daß dieser sich dem NS-Studentenbund angeschlossen hatte und später in die SA eingetreten war. Das Vaterbild im neuen Roman bleibt frei: von solchen Makeln: Hier flucht der Vater „auf den Krieg und jene, die Verantwortung trugen für die Führung und Ausbreitung des Krieges“.

In einem eindrucksvollen Essay mit dem trotzigen Titel „Weiterschreiben“ hat Ortheil 1989 knapp zusammengefaßt, was jetzt auch als autobiographische Substanz in seinem Roman wiederzufinden ist. Aufgewachsen ist er als einziges Kind in einer Familie, die, „wäre der Faschismus nicht an die Macht gekommen, aus weiteren vier Brüdern bestanden hätte, vier Brüder, der erste totgeboren in den Bombenabwürfen über Berlin, der zweite getroffen von Granatsplittern, die noch in den letzten Kriegstagen dem Dreijährigen, auf dem Schoß der Mutter sitzend, in den Kopf geschlagen waren, der dritte und vierte nicht lebenstüchtig, wenige Tage nach der Geburt gestorben, atemlos geworden in diesem über dem widersinnigen Gebären in Panik geratenen Körper meiner Mutter. Ich aber, ich hatte es als einziger, als Endpunkt einer vollständig durch die Katastrophen ausgelöschten Kette geschafft ...,zu leben und weiterzuleben, infiziert von den Todeskämpfen der Brüder, ausgestattet vielleicht mit dem letzten Atem ihrer Lebenssehnsucht.“ In dieser Familienkonstellation gerät der Sohn in eine paradoxe Situation: Er ist Träger neuer Zukunftshoffnungen, hat die Aufgabe, das Leben zu erneuern und fortzuführen; zugleich jedoch führt dieser Auftrag zu einer maßlosen und lähmenden Bindung an die Eltern und deren Vergangenheit.

Schon der erste Satz verweist auf das Handlungsmuster, dem der überlegt konstruierte Roman folgt: „... Als ich aber aus der kleinen Leichenhalle des Dorfes ins Freie trat, schlugen mir die Sonnenstrahlen ins Gesicht.“ Es ist eine Bewegung vom Dunklen ins Helle, aus dem engen Raum des Todes in den freien des Lebens. Begraben wird der Vater im Winter, doch „das Frühjahr war nicht mehr weit“. Ein melancholisch gebrochener Optimismus grundiert das Buch. Es erzählt die Geschichte einer langsamen, von zahlreichen Rückschlägen begleiteten Ablösung von einem Elternhaus, das sich selbst von den traumatischen Erinnerungen an die kriegsbedingten Familienkatastrophen nie zu befreien vermochte. Der Verlust des geliebten Vaters setzt im Sohn einen Prozeß in Gang, wie ihn Freud als „Trauerarbeit“ beschrieben hat, als seelische Energie, die aufzubringen ist, um die emotionale Fixierung auf das Verlorene zu lösen und schließlich wieder „frei und ungehemmt“ zu werden.