Sie war damals mit Abstand der größte Ozeandampfer der Welt (46 329 BRT, 269 Meter lang, 28 Meter breit). Und selbst Gott, hatte die Reederei zwecks besserer Vermarktung getönt, könne „dieses Schiff“ nicht zum Sinken bringen.

Wie bekannt, war solch titanenhafter Hochmut für den Himmel kein wirkliches Problem. „Und wie groß war der Eisberg, als Sie ihn zuerst sahen?“ wurde Frederick Fleet im Untersuchungsausschuß nach der Katastrophe gefragt. In der Nacht des 14. April 1912 hatte er im Mastkorb gestanden, ohne Fernglas, und als erster die schwarze Masse gesehen, die sich dem Bug der vierzig Knoten schnellen Titanic kurz vor Neufundland entgegenschob. „Von Entfernungen und Größen habe ich keine Ahnung, Sir“, hatte Fleet geantwortet. Etwa so groß wie zwei Schreibtische, schätzte er schließlich, vom Vorsitzenden hart bedrängt.

Zwei Schreibtische! Die meisten Passagiere lagen bereits in ihren Kojen und merkten nicht, was da an ihrem Luxusdampfer steuerbord auf einer Länge von etwa neunzig Metern entlangschrammte. Ein Scharren, ein Schaben, ein Kratzen, „als ob wir über tausend Murmeln rollen“ – so harmlos begann, was 160 Minuten später dazu führte, daß das Schiff mit über 1500 Menschen an Bord versank. Das drastische Bild, der Eisberg habe den Schiffsrumpf aufgeschlitzt, trifft freilich nicht zu. Vielmehr platzten durch den Druck der Eismassen die Schweißnähte auf, „weil die Stahlplatten der Titanic im Verhältnis zu ihrer Größe etwa so dick sind wie das Blech einer Keksdose“, wie der amerikanische Schriftsteller und Kapitän Joseph Conrad kurz nach dem Unglück empört feststellte.

Aus der Tiefe des Atlantiks stiegen Legenden auf: daß die Reichen zuerst die – viel zu wenigen – Rettungsboote besteigen durften; daß die Bordkapelle als letztes „Näher mein Gott zu Dir“ spielte; daß der Dampfer Californian in der Nähe kreuzte und das SOS der Titanic ignorierte. Alles längst widerlegt, aber zählebig.

Überhaupt verhalf der spektakuläre Untergang der Titanic gewissermaßen zu ewigem Leben. Ihre kurze Existenz steht in auffälligstem Kontrast zu einer Flut von Untersuchungen, Abhandlungen, Expeditionen und Büchern, die den Mythos Jahr um Jahr neu beleben. Hin und wieder treffen sich die zwölf Überlebenden, und die 5000 Mitglieder der Titanic Historical Society debattieren in ihrem Vereinsblättchen, warum die angebliche Goldladung nicht auf den Frachtlisten verzeichnet war. Seit vor sieben Jahren ein Team um den Amerikaner Robert D. Ballard das auseinandergebrochene Wrack in 4000 Meter Tiefe ortete und sogar die Gemüseschüsseln in Reih und Glied vorfand, ist der Titanic-Trubel noch einmal auf Touren gekommen. Davon zeugt auch ein opulenter Bildband. Sein Format, die Qualität der Abbildungen und die Vielfalt der dokumentierten Details entsprechen dem Standard an Überfluß und Verschwendung, für den die Titanic selbst unvergessen bleibt. Nicht nur Nautikern und Belle-Époque-Freunden dürfte es gefallen, zu betrachten, wie der Ozeanliner im Querformat durch die Wellen pflügt. Das seidige Blau der Fluten gelingt dem amerikanischen Marinemaler Ken Marschall ebenso makellos wie jene winzigen Figuren, die sich am Heck drängeln, als es schon viel zu steil in den sternenklaren Nachthimmel aufragt...

Anna von Münchhausen

  • Donald Lynch: