Von Eberhard Jäckel

Das sind alles historische Themen. Aber Hilberg studierte nicht Geschichte, sondern Öffentliches Recht, wurde später Politikwissenschaftler in Vermont, und der Lehrer, der den größten Einfluß auf ihn hatte, war Franz Neumann, Verfasser des „Behemoth“, eines schon damals fast klassischen Werkes über den Nazistaat, den er als einen Nichtstaat kennzeichnete, in dem vier Säulen, nämlich Heer und Verwaltung, Wirtschaft und Partei, sich in einem gänzlich ungeregelten Verfahren über die Grundlinien ihrer Politik verständigten. Das war, wenn auch sehr eigenständig, angewandter Marxismus gewesen.

Hilberg übernahm den Ansatz. So mußte sich, dachte er, auch die Vernichtung der Juden vollzogen haben. Da die Partei vor allem antisemitisch war und die drei anderen Säulen zustimmend nickten, machte sich die Bürokratie an die Arbeit, und so steigerte sich die Verfolgung der Juden gleichsam automatisch bis zu ihrer Vernichtung.

Glücklicherweise hatte Hilberg bei Neumann noch etwas anderes gelernt. Dessen Buch war nicht nur eine theoretische Abhandlung gewesen, sondern zugleich eine enzyklopädische Materialsammlung (es erstaunt noch heute, was man 1942 in New York alles über den Nazistaat wissen konnte), und so wurde auch Hilbergs Buch, ungeachtet der grundlegenden These, die stoffreichste Gesamtdarstellung, die es je gab, detailversessen, quellengesättigt, genau. Es ist bis heute das Standardwerk zum Thema und blieb im Kern doch der „Behemoth“ des Judenmordes.

Aber stimmte die These noch? War die Vernichtung wirklich nur ein bürokratischer Automatismus gewesen? Schon lange war es in Fachkreisen kein Geheimnis mehr, daß Hilberg sich von der ursprünglichen These entfernte. „Der Automatismus – das ist ein gutes Wort – “, sagte er 1984 in einer Kongreßdiskussion, „hat bestanden. Die Maschine ist ja gegangen.“ Und doch erkannte er mehr und mehr, daß es, um sie in Gang zu setzen, einen „Hitler-Befehl“ gegeben haben mußte: „Man brauchte ihn nicht schriftlich. Aber man brauchte ihn eindeutig.“

Hitler jedoch spielte im „Behemoth“ keine führende Rolle, bei Hilberg sowenig wie bei Neumann. Das hatte man von Marx gelernt, daß Männer nicht die Geschichte machen. Aber wenn es nun in diesem Fall nicht stimmte? Ein Buch kann man zwar überarbeiten. Hilberg tat es wiederholt, zuletzt 1985 in einer dreibändigen Neuausgabe, indem er hier etwas änderte, dort eine neue Fußnote anbrachte. Die Struktur des Werkes aber war aus einem Guß; sie ließ sich nicht anpassen. Das wird der Grund gewesen sein, daß Hilberg beschloß, über dasselbe Thema noch einmal ein Buch zu schreiben.

Der Untertitel des neuen entspricht fast ganz dem Obertitel des alten. Hieß es dort „The Destruction of the European Jews“, so heißt es nun „The Jewish Catastrophe“. Das ist mehr als eine Nuance. Während einst die Täter im Vordergrund standen, werden jetzt auch die Opfer einbezogen. Die Übersetzung verwischt diese Erweiterung, indem sie einfach den Begriff „Vernichtung“ aus dem alten Haupttitel wieder aufgreift. Warum konnte man nicht „Die jüdische Katastrophe“ sagen?