Fast immer und einhellig hat man an den neuen Medien gepriesen, daß sie große Mengen von Informationen zugänglich machen, und dies mit einer egalitären Geringschätzung der Eliten. Indem die Medien Information demokratisierten, waren sie der Feind der Tyrannei.

Ich hingegen möchte behaupten, daß die Art und Weise, wie die Medien die Welt mit immer größeren Mengen an Information versorgen, gefährlichste Auswirkungen hat. Die Paradoxie besteht darin, daß die neuen Medien zwar keine Tyrannei über die Information ausüben, daß sie aber eine neuartige Tyrannei durch Information hervorbringen. Ich möchte schildern, was geschieht, wenn es zu einer „Informationsexplosion“ kommt, und der Frage nachgehen, welche Folgen das hat.

Zunächst möchte ich von einem Experiment berichten, das ich in den vergangenen Jahren hin und wieder gemacht habe. Am besten läßt es sich morgens durchführen, wenn ich einen Kollegen erblicke, der nicht im Besitz einer New York Times zu sein scheint. „Hast du heute morgen die Times gelesen?“ frage ich. Wenn er „Ja“ antwortet, findet an diesem Morgen kein Experiment statt. Antwortet er jedoch „Nein“, kann das Experiment weitergehen. „Du mußt dir heute unbedingt den Wissenschaftsteil ansehen“, sage ich. „Dort steht ein sehr interessanter Artikel über eine Untersuchung, die an der University of Minnesota durchgeführt wird.“ – „Tatsächlich? Worüber denn?“ ist die übliche Erwiderung.

Die Zahl der Möglichkeiten, die sich mir an diesem Punkt bieten, ist fast unendlich. Hier kommt die Kreativität ins Spiel. Ich sage also beispielsweise folgendes: „Na ja, sie wollten herausfinden, was man essen soll, wenn man abnehmen will, und nun hat sich herausgestellt, daß man die normale Ernährungsweise am besten beibehält und sie nur durch drei Schokoladen-Trüffel am Tag ergänzt. Diese Trüffel enthalten offenbar einen besonderen Nährstoff – enkomisches Dioxin, das die Kalorien mit einer unglaublichen Geschwindigkeit abbaut.“

Eine andere Möglichkeit, die mir immer besondere Freude macht, ist diese: „Ich schätze, das wird dich interessieren“, sage ich. „Die Neurophysiologen an der John Hopkins University haben einen Zusammenhang zwischen Joggen und Intelligenzschwund aufgedeckt. Sie haben mehr als zwölfhundert Personen fünf Jahre lang getestet und dabei festgestellt, daß ihre Intelligenz in dem Maße abnahm, wie die Zahl der Stunden, in denen sie joggten, zunahm. Warum, weiß man nicht, aber die Sache an sich steht fest.“

Sofern ich es nicht schon zwei- oder dreimal bei ihnen versucht habe, glauben die meisten Leute, was ich ihnen erzähle, und sei es noch so lächerlich, sie reagieren jedenfalls nicht mit Ungläubigkeit. Manchmal zögern sie ihre Reaktion hinaus, indem sie erwidern: „Wo, sagtest du, wurde diese Untersuchung durchgeführt?“ Aber manche sagen auch: „Weißt du, das habe ich auch schon gehört.“

Aus diesen Ergebnissen lassen sich nun verschiedene Schlüsse ziehen, und einen von ihnen hat H. L. Mencken schon vor sechzig Jahren formuliert: Eine Idee kann noch so dumm sein – man findet immer einen Professor, der an sie glaubt. Eine andere mögliche Schlußfolgerung hat George Bernard Shaw ebenfalls vor ungefähr sechzig Jahren gezogen: Der Mensch von heute ist genauso leichtgläubig wie der Mensch des Mittelalters. Im Mittelalter glaubten die Leute standhaft an die Autorität der Religion. Wir glauben heute standhaft an die Autorität der Wissenschaft.

Aber es gibt noch eine andere, wichtigere Schlußfolgerung; sie hängt mit der These von Shaw zusammen, steht aber quer zu ihr. Ich meine die Tatsache, daß wir in einer Welt leben, die für die meisten von uns nahezu unbegreiflich ist. Es gibt kaum ein Faktum, weder in der Wirklichkeit noch in der Vorstellung, das imstande wäre, uns nachhaltig zu irritieren, denn wir verfügen nicht über ein umfassendes, konsistentes Bild der Welt, vor dem sich ein solches Faktum als nicht hinnehmbarer Widerspruch erweisen könnte.

Wir glauben, weil es keinen Grund gibt, nicht zu glauben – keinen gesellschaftlichen, keinen politischen, keinen historischen, keinen metaphysischen, keinen logischen und keinen spirituellen Grund. Wir leben in einer Welt, die über weite Strecken keinen Sinn für uns ergibt, die wir über weite Strecken nicht verstehen.

Vielleicht kann ich die These, auf die ich hinauswill, mit einem Vergleich deutlich machen: Wenn man ein neues Kartenspiel nimmt und anfängt, die einzelnen Karten eine nach der anderen umzudrehen, gewinnt man eine gute Vorstellung davon, wie sie angeordnet sind. Wenn man vom Pik-As bis zur Pik-Neun gelangt ist, erwartet man als nächstes die Pik-Zehn. Wenn dann eine Karo-Drei auftaucht, ist man überrascht und fragt sich, was für ein seltsames Kartenspiel man da vor sich hat. Wenn ich Ihnen aber ein Kartenspiel gebe, das zwanzigmal gemischt worden ist, und Sie nun bitte, die Karten umzudrehen, erwarten Sie keine bestimmte Karte – eine Karo-Drei ist dann genauso wahrscheinlich wie eine Pik-Zehn. Wenn man kein bestimmtes Muster erwartet und keinen Grund hat, eine vorgegebene Ordnung anzunehmen, besteht auch kein Grund, auf irgendeine der auftauchenden Karten mit Skepsis oder auch nur mit Überraschung zu reagieren.

In der Welt von heute hat die Informationstechnologie alle Karten gründlich gemischt. Was also das Ausmaß unserer Leichtgläubigkeit angeht, hatte Shaw durchaus recht. Wie mein kleines Experiment bestätigt, sind wir bereit, so gut wie alles zu glauben.

Aber indem Shaw uns mit den Menschen im Mittelalter verglich, tat er diesen doch ziemlich unrecht. Das System der Anschauungen und Überzeugungen glich im Mittelalter nämlich eher einem nagelneuen Kartenspiel. Es existierte eine geordnete, verständliche Sicht der Welt, und ihr Ausgangspunkt war der Gedanke, daß alle Erkenntnis und alle Güte von Gott ausgeht. Was die Priester zu sagen hatten, ergab sich aus der Logik ihrer Theologie. Es war nichts Willkürliches an dem, was die Menschen glauben sollten, auch nicht an der Tatsache, daß die Welt am 23. Oktober des Jahres 4004 v. Chr. morgens um 9 Uhr erschaffen worden war. Auch das konnte erklärt werden und wurde zu jedermanns Zufriedenheit einleuchtend erklärt. Ebenso die Tatsache, daß zehntausend Engel auf der Spitze einer Nadel tanzen können. Dies ergab durchaus einen Sinn, sofern man daran glaubte, daß die Bibel das offenbarte Wort Gottes war und daß das Universum von Engeln bevölkert sei.

Gewiß, die Welt des Mittelalters war voller Rätsel und Gefahren, aber ein Bewußtsein von Ordnung fehlte ihr nicht. Einfache Männer und Frauen begriffen vielleicht nicht ganz, wie sich die rauhe Wirklichkeit ihres Daseins in den großen, wohltätigen Plan des Universums fügte, aber sie zweifelten nicht daran, daß es einen solchen Plan gebe, und ihre Priester waren imstande, ihn mit Hilfe einer Handvoll abgeleiteter Prinzipien wenn schon nicht als rational, so doch als kohärent darzustellen.

Unsere heutige Lage ist trauriger und verwirrender und ganz bestimmt auch rätselhafter. Es gibt keine konsistente, bündige Weltauffassung, die als Gerüst für unsere Überzeugungen taugen würde. Und deshalb sind wir in gewissem Sinne sogar leichtgläubiger als die Menschen des Mittelalters und auch furchtsamer, denn wir besitzen keinen kohärenten Rahmen, um Urteile zu fällen oder Ereignissen eine bestimmte Bedeutung beizumessen.

Nun ist das alles gewissermaßen nicht unsere Schuld. Oder, um die Weisheit des Cassius auf den Kopf zu stellen: Die Schuld liegt nicht bei uns, sondern bei den Sternen, und zwar fast im wörtlichen Sinne. Als Galilei und Kepler ihre Fernrohre in den Himmel richteten, fanden sie in den Sternen nicht Verzauberung und keine Quelle von Autorität, sondern nur geometrische Muster und Gleichungen. Gott, so schien es, war weniger ein Moralphilosoph als ein genialer Mathematiker. Diese Entdeckung gab der Entwicklung der Physik einen kräftigen Schub, aber in der Theologie und anderswo richtete sie nur Schaden an. Vor Galilei und Kepler konnte man annehmen, die Erde sei die unverrückbare Mitte des Universums, und Gott nehme an den Angelegenheiten der Menschen ein ganz besonderes Interesse. Nachher war die Erde nur noch ein einsamer Wandelstern inmitten einer obskuren Galaxis.

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Gott, so schien es, hatte sich gegen die Menschen gewandt. Aber noch etwas anderes hat sich gegen sie gewandt. Ich meine die Information. Es gab eine Zeit, da half die Information den Menschen dabei, dringende Probleme ihres Lebens zu lösen, indem sie ihr Wissen von ihrer physischen und gesellschaftlichen Umwelt erweiterte. Es trifft zu, daß im Mittelalter Informationsknappheit herrschte, aber gerade ihre Knappheit machte die Information wichtig und nutzbar.

Das begann sich, wie jeder weiß, im späten 15. Jahrhundert zu ändern, als ein Mainzer Goldschmied mit Namen Gutenberg eine alte Weinpresse in eine Druckmaschine verwandelte und damit das auslöste, was wir heute als Informationsexplosion bezeichnen. Vierzig Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks standen Druckerpressen in hundertzehn Städten, verteilt über sechs Länder; fünfzig Jahre später waren mehr als acht Millionen Bücher gedruckt, und fast alle waren mit Informationen gefüllt, die bis dahin für die meisten Menschen unzugänglich gewesen waren.

Nichts wäre irreführender als die Behauptung, die Computertechnologie habe das Informationszeitalter hervorgebracht. Die Druckpresse hat damit begonnen, und seither sind wir nicht mehr von ihr losgekommen. Aber was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt. In den Vereinigten Staaten gibt es heute 17 000 Zeitungen, 12 000 Zeitschriften, 27 000 Video-Verleihe, 350 Millionen Fernsehapparate, mehr als 400 Millionen Radiogeräte, die Autoradios nicht gerechnet. Jedes Jahr werden 40 000 neue Bücher publiziert (weltweit sind es 300 000), und jeden Tag werden in Amerika 41 Millionen Photos aufgenommen; der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt: Jedes Jahr landen 60 Milliarden Sendungen Postmüll in unseren Briefkästen.

Von der Telegraphie und der Photographie im 19. Jahrhundert bis zum Silikon-Chip im 20. Jahrhundert hat alles zur Verstärkung des Informationsgetöses beigetragen, bis es so weit gekommen ist, daß die Information für den gewöhnlichen Menschen keinerlei Beziehung mehr zur Lösung von Problemen besitzt. Die Verbindung zwischen Information und Handeln ist gekappt. Information ist heutzutage eine Ware, die man kaufen und verkaufen kann, die man als ein Form von Unterhaltung nutzen oder sich anziehen kann wie ein Kleidungsstück, mit dem man den eigenen Status erhöht. Aus Millionen von Quellen auf dem ganzen Erdball, aus jedem erdenklichen Kanal und jedem erdenklichen Medium – Lichtwellen, Ätherwellen, Telexstreifen, Datenbanken, Telephondrähte, Fernsehkabel, Satelliten, Druckmaschinen – sickert Information hervor. Dahinter hält sich in jeder erdenklichen Form von Speicher – auf Papier, auf Video- und Audiobändern, auf Platten, Film und Silikon-Chips – eine noch viel größere Masse abrufbarer Information bereit.

Die Information ist zu einer Art Abfall geworden. Sie trifft uns wahllos, richtet sich an niemand Bestimmten und hat sich von jeglicher Nützlichkeit gelöst; wir werden von Information überschwemmt, sind nicht mehr imstande, sie zu beherrschen, wissen nicht, was wir mit ihr tun sollen. Und zwar deshalb nicht, weil wir keine kohärente Vorstellung von uns selbst, von unserem Universum und von unserer Beziehung zueinander und zu unserer Welt besitzen. Wir wissen nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen und warum. Wir verfügen über keinen kohärenten Rahmen, an dem wir uns orientieren können, wenn wir unsere Probleme definieren oder nach Lösungen für sie suchen wollen, und haben deshalb auch keine Maßstäbe, mit denen wir beurteilen könnten, was sinnvolle, nützliche oder relevante Information ist. Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr. Wir leiden unter einer Art von kulturellem Aids.

Die Informationstechnologien des 20. Jahrhunderts haben das alte Problem der Information auf den Kopf gestellt: Während die Menschen früher nach Informationen suchten, um die Zusammenhänge ihres wirklichen Lebens zu bewältigen, erfinden sie heute Kontexte, in denen ansonsten nutzlose Informationen scheinbar nutzbringend angewendet werden können. Das Kreuzworträtsel, das kurz, nachdem der Telegraph die moderne Informationsflut auslöste, zu einem populären Zeitvertreib wurde, ist ein solcher Pseudokontext für nutzlose Fakten; die Cocktailparty ist ein anderer, ebenso wie die Radioquizsendungen der dreißiger und vierziger Jahre und die modernen Ratespiele im Fernsehen. Ihre vielleicht extremste Ausformung hat diese Tendenz in dem ungeheuer erfolgreichen Spiel „Trivial Pursuit“ gefunden.

Alle diese Phänomene liefern eine Antwort auf die Frage: „Was soll ich mit den zusammenhanglosen Tatsachen tun?“ Und im Grunde genommen ist die Antwort immer die gleiche: „Benutze sie zum Zeitvertreib, zur Unterhaltung, amüsiere dich mit ihnen.“ Mit anderen Worten, die Informationsschwemme bringt Pseudokontexte hervor, und Pseudokontexte verwandeln sich, indem sie die Kluft zwischen Information und sinnvollem Handeln noch weiter vertiefen, in Unterhaltung.

Die Informationsschwemme führt auch, zu einem wachsenden Gefühl von Ohnmacht. Die Nachrichtenmedien berichten uns über die Probleme im Nahen Osten, in Nordirland, in Jugoslawien. Wir hören von der Zerstörung der Ozonschicht und der Vernichtung der Regenwälder Wird nun von uns erwartet, daß wir selber etwas unternehmen? Die meisten von uns können bei der Lösung solcher Probleme nicht aktiv werden, Und so wächst bei den Menschen ein Gefühl der Passivität und Unfähigkeit, das unweigerlich in ein verstärktes Interesse an der eigenen Person mündet. Wenn man in der Welt nichts auszurichten vermag, kann man doch zumindest sich selbst verändern. Man kann abnehmen, man kann sich die Haare anders färben, man kann die Form der eigenen Nase oder die Größe der eigenen Brüste verändern.

Daraus, daß man tausend Dinge kennt und weiß und nicht imstande ist, Einfluß auf sie zu nehmen, erwächst ein eigenartiger Egoismus. Schlimmer: Die meisten Menschen glauben immer noch, Information und immer mehr Information sei das, was die Menschen vor allem benötigten. Die Information bilde die Grundlage all unserer Bemühungen um die Lösung von Problemen.

Aber unsere wirklich ernsten Probleme erwachsen nicht daraus, daß die Menschen über unzureichende Informationen verfügen. Wenn es zu einer Nuklearkatastrophe kommt, dann nicht wegen unzulänglicher Information. Wo Menschen verhungern, geschieht das nicht wegen unzureichender Information. Wenn Familien zerbrechen, wenn Kinder mißhandelt werden, wenn zunehmende Kriminalität eine Stadt terrorisiert, wenn sich das Erziehungswesen als ohnmächtig erweist, so nicht wegen mangelnder Information, sondern weil wir kein zureichendes Bewußtsein davon entwickeln, was sinnvoll und bedeutsam ist.

Um dieses Bewußtsein zu entwickeln, brauchen die Menschen eine glaubwürdige „Erzählung“. Unter „Erzählung“ verstehe ich hier eine Geschichte über die Geschichte der Menschheit, die der Vergangenheit Bedeutung zuschreibt, die Gegenwart erklärt und für die Zukunft Orientierung liefert. Eine Geschichte, deren Prinzipien einer Kultur helfen, ihre Institutionen zu organisieren, Ideale zu entwickeln und ihrem Handeln Autorität zu verleihen. Die Information als solche ist keine Erzählung, und sie verdeckt in der gegenwärtigen Situation nur die Tatsache, daß die meisten Menschen nicht mehr an eine Erzählung glauben.

Natürlich sind die bedeutendsten „Erzählungen“ dieser Art aus der Religion hervorgegangen, zum Beispiel die Genesis oder die Bhagawadgita oder der Koran. Manche sind der Ansicht – so etwa der Historiker Arnold Toynbee –, eine Kultur, in deren Mitte nicht eine umfassende religiöse Erzählung steht, müsse untergehen. Vielleicht. Allerdings gibt es auch andere Quellen für solche Erzählungen – Mythologie, Politik, Philosophie und Wissenschaft zum Beispiel. Doch eines ist gewiß: Ohne Erzählungen von transzendentem Ursprung kann keine Kultur wirklich gedeihen und die Kraft entfalten, den Menschen beim Sichten und Einschätzen von Informationen ebenso zu helfen wie bei der Entscheidung darüber, welches Wissen ihnen noch fehlt.

Damit ist nicht gesagt, daß das bloße Vorhandensein einer solchen Erzählung bereits die Stabilität und Kraft einer Kultur garantiert. Es gibt auch zerstörerische Erzählungen. Eine Erzählung schafft Sinn, aber sie sichert nicht unbedingt das Überleben – wie zum Beispiel jene Geschichte zeigt, die Adolf Hitler in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts den Deutschen nahegebracht hat. Diese Geschichte verherrlichte die Vergangenheit, erhellte die Gegenwart und enthielt Prophezeiungen für eine Zukunft, die tausend Jahre währen sollte. Für diejenigen, die die Geschichte Hitlers nicht akzeptierten, hatte sie tödliche Folgen. Aber wir können aus dieser deutschen Erfahrung auch lernen, daß Kulturen auf Erzählungen angewiesen sind, und daß sie sie um jeden Preis finden, auch wenn sie in die Katastrophe führen. Die Alternative wäre ein Leben ohne Sinn, also eine radikale Negation von Leben selbst.

Die Informationsschwemme, die die neuen Technologien über uns gebracht haben, ist insofern eine Tyrannei, als sie uns an der Konstruktion von das Leben bereichernden Erzählungen hindert, indem sie unsere Aufmerksamkeit ablenkt und die Kräfte verzehrt, die wir dieser wichtigen Aufgabe widmen könnten.

Nicht alle Erzählungen sind gleich wertvoll. Diejenige Erzählung bereichert das Leben am meisten, die der Komplexität und Mehrdeutigkeit von Geschichte gerecht wird, die der menschlichen Kreativität ein möglichst großes Feld eröffnet, die durch die Eleganz ihrer Form eine Art von Transzendenz gewinnt und an die besseren Seiten unseres Wesens appelliert. Überall auf der Welt sind Menschen bestrebt, eine solche Erzählung zu finden oder zu konstruieren. Ob dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen von Informationsbesessenheit und Informationschaos gelingen kann, weiß man nicht. Aber es ist ein schöpferischer Akt, dessen Gelingen man sich aus ganzem Herzen wünschen muß.

Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser

Neil Postman, 1931 in New York City geboren, unterrichtet an der New York University „Communication Arts and Sciences“. Im Festvortrag zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1984 erklärte er, Amerika sei das Land, das sich „zu Tode amüsiert“. Kultur verkomme zur Peepshow. Fast ein Jahrzehnt später stellt der Gelehrte seine zweite Diagnose: Wir informieren uns zu Tode.