ZEIT: Herr von Pierer, wir haben uns die europäischen High Tech Unternehmen genauer angeschaut und müssen feststellen, daß es diesen Konzernen in der Regel nicht gutgeht. Ist die Technologieschlacht mit den Japanern schon verloren?

von Pierer: Zunächst einmal: Man darf nicht nur auf die Europäer schauen. Den japanischen Unternehmen geht es, wie wir wissen, seit einiger Zeit auch nicht mehr so gut. Das hat vielfältige Ursachen. Sie liegen einmal in den Strukturproblemen, die die ganze Branche hat. Sie liegen aber sicher auch in hausgemachten Problemen in Japan.

Manche Leute meinen, wir hätten gegenüber den Japanern sowieso alles verschlafen. Es gibt aber, wenn wir über Elektronik reden, viele Gebiete, wo wirnicht nur gleichauf sind, sondern deutlich besser. Das Problem bei uns Europäern ist, daß wir die gute Technologie, die wir haben, nicht immer schnell genug in Produkte für den Markt umsetzen.

ZEIT: Pessimisten fürchten, daß Europa zur technologischen Kolonie Japans werden könnte. von Pierer: Das halte ich in dieser Allgemeinheit für Unfug. Es gibt, wie gesagt, viele Gebiete, wo wir mit den Japanern nicht nur mithalten, sondern ihnen überlegen sind. Dies ist vor allem im Systemgeschäft der Fall. Das trifft bei unserem Unternehmen zum Beispiel zu auf die Telekommunikation und die Kraftwerkstechnik Ähnliches gilt für das energietechnische Anlagengeschäft und Verkehrssysteme. Gut mithalten können wir auch auf dem Gebiet der Fabrikautomatisierung und bei der Medizintechnik.

ZEIT: In all diesen Gebieten geht auch bei Siemens, relativ gesehen, der Ertrag zurück. von Pierer: Es ist richtig, daß unser Gewinn insgesamt unbefriedigend ist. Aber wenn Sie dieselbe Frage an ein japanisches Elektronikunternehmen stellen würden, könnten Ihnen auch nur wenige sagen, daß sie mit ihrem Ertrag im Augenblick zufrieden sind. Es gibt dort teilweise dramatische Ertragseinbrüche.

ZEIT: Ist die Elektronikindustrie nicht weltweit in eine Art Technologiefalle geraten? Explodierende Forschungs- und Entwicklungskosten auf der einen Seite und Absatz- oder Akzeptanzschwierigkeiten auf der anderen?

von Pierer: Technologiefalle? Ich weiß nicht, ob Sie nicht vielleicht eine Cash Falle meinen, die Frage also, ob wir die riesigen Vorleistungen zum Beispiel für Entwicklungsprojekte und Investitionen in der Mikroelektronik jemals wieder zurückbekommen. Und was die von Ihnen angesprochenen Absatzschwierigkeiten betrifft, so ist zutreffend, daß in der Unterhaltungselektronik eine Abschwächung eingetreten ist. Ob das aber das Ende aller Tage ist oder doch nur überwiegend eine konjunkturelle Erscheinung, muß sich zeigen. Eine gewisse Marktsättigung mag allerdings eine Rolle spielen.